„Hatte eine geile Kindheit“
Als Robin Koch am 17. Juli 1996 auf die Welt kommt, ist Deutschland gerade Fußball-Europameister geworden, The Fugees bestimmen mit „Killing Me Softly“ die Charts und die Sendung mit der Maus ist immer noch die beliebteste Sendung von Kindern zwischen drei und fünf Jahren. Knapp 30 Jahre später ist Koch Profifußballer, Kapitän von Eintracht Frankfurt und Familienvater. Doch was ist passiert in diesen drei Jahrzehnten, wie ist Robin Koch aufgewachsen, was hat ihn geprägt und dazu beigetragen, dass er so ist, wie er ist? Die „Eintracht vom Main“ und EintrachtTV haben sich auf Spurensuche begeben, mit seinem besten Freund, seinem Vater und ehemaligen Trainern sowie Koch selbst gesprochen. Das Interview mit dem Kapitän ist eingebettet in seine Zeitreise von Dörbach über Trier, Kaiserslautern, Freiburg, Leeds bis nach Frankfurt.

Interviews: Lars Weingärtner, Michael Wiener
Reportage: Michael Wiener
Fotos: Martin Ohnesorge, Franziska Sabel, imago images, privat

Das Sportgelände ist idyllisch gelegen, der Empfang ist freundlich, es wird viel gelacht – hier, auf dem Sportplatz am Waldrand in Dörbach, fühlt sich das Medienteam der Eintracht direkt wohl. Einer, der dazu maßgeblich beiträgt, ist Simon Berg. „Schön, dass ihr da seid. Herzlich willkommen beim SV Dörbach“, sagt der 30-Jährige. Angekommen beim Heimatverein von Robin Koch, empfangen von seinem besten Freund.

2003 war es, als Familie Koch nach Dörbach gezogen ist. In Sichtweite des Sportplatzes, von der Haustür bis zur Eingangstür des Vereinsheims sind es keine 200 Meter plus ein paar Stufen. Robins Vater Harry, einige Jahre zuvor Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern geworden, stand zu dieser Zeit bei Eintracht Trier unter Vertrag; die Familie, zu der auch Robins kleiner Bruder Louis gehört, wird dort heimisch. Im 2.500-Einwohner-Ort in Rheinland-Pfalz, von Frankfurt aus kommend etwa jeweils eine halbe Autostunde hinter dem Flughafen Frankfurt Hahn und vor der Domstadt Trier gelegen. 

Simon Berg wohnt damals direkt gegenüber und sollte im Laufe der Zeit Robins bester Freund werden. Berg ist rund vier Monate älter, ist heute – und dies schon im achten Jahr – Vorsitzender des SV Dörbach. Berg und Koch verbringen viel Zeit miteinander; in den Gesprächen erzählen beide zahlreiche Anekdoten aus ihrer Kinder- und Jugendzeit. Berg erinnert sich: „Wir waren von der zweiten bis zur zehnten Klasse gemeinsam in der Schule, sind jeden Tag gemeinsam mit dem Fahrrad dorthin gefahren. 980 Meter, wir haben es mal ausgemessen, bei Wind und Wetter. Wir haben zusammen Fußball gespielt, oft beieinander übernachtet. Wenn wir mal gefragt haben und es ging nicht, hat Robins Papa gesagt: ‚Vorfreude ist die schönste Freude‘. Wir haben eine sehr innige Freundschaft, bis heute.“ Robin beschreibt er zu dieser Zeit als „charmant, intelligent und geradlinig“. Charmant unter anderem, weil er gut bei den Mädels angekommen sei und diese dann auch mal die Hausaufgaben für die Jungs gemacht hätten …

Der Sportplatz in Dörbach liegt am Waldrand, die Straße dorthin trägt eben diesen Namen. Auf der Gegenseite schmiegen sich drei Tribünenränge an den bewaldeten Hang. Das Vereinsheim liegt auf der Hauptseite leicht erhöht, vom Außenbereich aus hat man einen wunderbaren Blick über den Platz und den Ort. In der sogenannten Sportkneipe hängen Trikots von Robin Koch, die alle seine Stationen zeigen; im hinteren Bereich glüht jeden zweiten Samstagabend der Zapfhahn, wenn der SVD seine Heimspiele in der Kreisliga austrägt. In der Kabine dürfte es noch so aussehen wie zu Kochs und Bergs Jugendzeiten. Alte Holzbänke, Kleiderhaken und Heizkörper – „das ist unser nächstes Bauprojekt“, sagt Berg, während er sich auf den Platz setzt, wo er und Koch sich für Training und Spiel umgezogen haben. Kurzum: Vielleicht eine der schönsten Amateursportanlagen, die die Eintracht-Redakteure – beide große Freunde des Amateurfußballs – jemals gesehen haben.

Steht man vor der Sportkneipe, hat man Robin Kochs Elternhaus gut im Blick. Gelbe Fassade, rote Ziegel, etwas tiefer gelegen, sodass der Balkon im ersten Stock sich etwa auf Höhe des Platzes befindet. Dort hat ab und zu Robin Kochs Vater gestanden …

Robin, wie bist Du aufgewachsen in Dörbach?
Sehr nah am Sportplatz. Das hat meine Jugend sehr geprägt. Damals gab es einen relativ neuen Kunstrasenplatz, das war natürlich ein Traum für uns. Der war frei zugänglich, also konnte man auch außerhalb unserer Trainingszeiten hin. Wir waren eigentlich jeden Tag nach der Schule da oben und haben gekickt.

Was sind Deine ersten Erinnerungen an Simon?
Die erste Begegnung war, als wir nach Dörbach gezogen sind. Ich war sieben Jahre alt. Da kam die ganze Straße bei uns vorbei, die kannten sich natürlich und waren schon alle befreundet. Mein Bruder und ich haben sehr schnell Anschluss gefunden, uns auf Anhieb mit allen sehr gut verstanden und dieser Kontakt hält bis heute an. Wir wussten unsere Telefonnummern auswendig. Ich habe Simon angerufen und dann gab es eine Kette. Simon hat den nächsten angerufen und so weiter. Wir waren immer fünf bis zehn Jungs, die sich oben getroffen und gekickt haben.

Simon Berg erinnert sich hier gerne an gemeinsame Freitagabende, während im TV „Alles Atze“ lief und auch Robins Vater Harry zuschaute, wie sie „Hot Wheels“ gespielt haben, wie sie in der Radio-AG der Schule von einem Lehrer als DJ Nutzlos und DJ Lautlos bezeichnet wurden, wie sie in Urlauben am Strand oder auf der Skipiste waren und wie sie „einfach viel Zeit miteinander verbracht haben“. Bis zum heutigen Tag, sofern es der Terminplan zulässt. Ansonsten wird sich über andere Kanäle ausgetauscht. „Wenn wir telefonieren, ist Stromberg immer ein Thema“, muss Berg schmunzeln und spricht einige Dialoge aus der Kultserie nach.

Nimm uns mal mit in Deine Kindheit. Was hat Euch geprägt?
Wir waren extrem viel draußen. Wir sind nach der Schule nach Hause gekommen und direkt raus. Entweder zu einem kleinen Bolzplatz oder auf den großen Platz. Oder wir waren im Wald unterwegs. Damals waren die Wilden Kerle [deutscher Kinderfilm von 2003; Anm. d. Red.] großes Thema, da waren wir auch sehr aktiv. Wir haben den ersten Film zu Hause auf DVD geschaut und das Ganze immer nachgespielt. Ich hätte mir keine bessere Kindheit vorstellen können. Ich erinnere mich sehr gerne zurück. Wenn man sich heute sieht, spricht man oft über alte Zeiten und auch darüber, was wir für eine geile Kindheit hatten. Klar, 90 Prozent war Fußball und dafür haben wir alle gelebt.

Das ging dann sicherlich, bis es abends dunkel wurde?
Von uns hatte keiner ein Handy in dem Alter. Wir waren auf dem Sportplatz oder haben auf dem Bolzplatz gekickt und, als es irgendwann dunkel wurde, war schon klar, es geht dem Ende zu. Wir haben das natürlich rausgezögert. Spätestens wenn mein Dad auf dem Balkon stand und gepfiffen hat, wussten wir, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Den Pfiff hat man immer gut gehört.

Simon berichtet, dass Robin im Verein als Zehner angefangen hat. „Er war auch kopfballstark. Ich habe nach dem Training noch Ecken geschossen und er hat sie reingeköpft.“ Robin sei technisch besser als andere gewesen, habe viel gearbeitet und viel Disziplin an den Tag gelegt. Dass er mal Fußballprofi werden würde, sei aber in jungen Jahren noch nicht absehbar gewesen.

Wie sah Euer gemeinsames Fußballspielen aus?
Wir haben viel nachgespielt, ob es jetzt irgendwelche Mannschaften waren, ob jeder eine Nation war oder ein Bundesligateam. Wenn am Wochenende besondere Tore gefallen sind, haben wir versucht, dies nachzustellen. Wir waren sehr kreativ.

Hast Du früher schon gemerkt, dass Du besser bist als andere?
Es stand eher der Spaß an erster Stelle, auch wenn ich immer einen außergewöhnlichen Willen hatte, zu gewinnen. Selbst im Training, im jungen Alter, war es schon so, dass ich immer leicht angefressen war, wenn wir mal hinten lagen. Dann habe ich noch mehr Gas gegeben. Ich wusste schon, dass ich gut bin. Aber ich habe gar nicht so drüber nachgedacht, dass ich der Beste sei. Ich wollte einfach gewinnen und man hatte Spaß, mit den Jungs zu kicken. Spaß stand ganz klar im Vordergrund.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Robin Koch nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gespielt hat. Mit Vater Harry hatte Robin stets ein Beispiel, wie man es auch im „hohen“ Alter noch zum Profi schaffen kann. Erst mit 25 Jahren wechselte Harry Koch aus der Regionalliga zum 1. FC Kaiserslautern und wurde dort Bundesligaspieler. Mit dem FCK gewann er eine Woche nach dem Abstieg den DFB-Pokal 1996 und wurde als Aufsteiger Deutscher Meister 1998. Nach insgesamt acht Jahren bei den Roten Teufeln und drei Jahren bei Eintracht Trier beendete Koch 2006 seine Karriere und trainierte im Anschluss fünf Spielzeiten den SV Dörbach.

Für Dich und Deinen Bruder ist es sicherlich eine besondere Situation, Ihr seid die Söhne eines Deutschen Meisters. Wie bist Du damit früher umgegangen?
Mein Bruder und ich hatten großes Glück, da muss man meine Eltern sehr loben. Es war einfach normal, wir haben auch sehr wenig drüber gesprochen. Klar, wenn du als kleiner Junge siehst, dass dein Dad Bundesliga spielt, macht das was mit dir. Bei der Meisterschaft 1998 war ich noch zu klein, um das richtig mitzubekommen. Später hatten wir natürlich seine Trikots an. Wir hatten zu Hause ein Hochbett mit einem Vorhang, haben uns seine Trikots angezogen und sind wie durch den Spielertunnel ins Stadion durchgelaufen. Aber der Fokus meiner Eltern lag immer ganz klar auf der Schule und später auf der Ausbildung. Weil sie wissen, wie schwer der Weg zum Profifußballer wirklich ist. Man hatte manchmal das Gefühl, ihnen ist es lieber, wenn wir was „Normales“ machen. Sie wollten mich auf jeden Fall nie in irgendeine Richtung lenken.

War es ein Traum von Dir, Profifußballer zu werden?
Ja klar, wie eigentlich bei allen von uns. Dass meine Eltern immer Wert auf die Schule gelegt haben, hat mir sehr geholfen, auch in meiner persönlichen Entwicklung und für meine Karriere. Ich habe drei Jahre in einem normalen Job, in meiner Ausbildung, gearbeitet und auch diese Seite gesehen mit dem Wissen, wie wenige es am Ende schaffen, Profi zu werden. Aus meiner Region gibt es vielleicht noch ein, zwei Jungs innerhalb von zehn Jahren, die es geschafft haben. Es kann immer alles passieren, der Traum war immer da.

Das Medienteam der Eintracht trifft Harry Koch in Mainz, das Interview findet am Rheinufer statt. Von der Naturlocken-Mähne, mit der es Koch Senior in jedes Sammelsurium der verrücktesten Frisuren der Bundesliga geschafft hätte, ist nicht mehr viel zu sehen, auch beruflich hat sich einiges verändert. Für ein weltweit operierendes Unternehmen arbeitet Harry Koch in der Akten- und Datenvernichtung. Mit leuchtenden Augen erzählt der gebürtige Franke von der „tollen Nachbarschaft in Dörbach“, von Straßenfesten und Zusammenkünften im hauseigenen Garten, von einem „wunderbaren Zusammenhalt“ unter den Menschen dort und natürlich von seiner Zeit als Trainer des SV Dörbach.

Über seinen Sohn Robin sagt er: „Als ganz kleines Kind war er ein bisschen aufbrausend, wollte immer seinen Kopf durchsetzen. Aber das hat auch nicht geschadet. Er war immer sehr ehrgeizig und bedacht auf andere Kinder, zudem hat er Freundschaften gepflegt. Außerdem hat er gerne, meine Frau sagt immer, die ‚Papanudeln‘ gegessen, die ich mir und uns vorbereitet habe. Rigatoni, Schinken, Sahne.“

Zu seiner Rolle als Robins Vater, der gleich zwei sehr gut Fußball spielende Söhne hat, berichtet der heute 56-Jährige: „Ich habe immer zu ihm gesagt, dass ich mich überhaupt nicht einmische, ihn aber natürlich voll unterstütze. Ich habe ihn auch darauf vorbereitet, dass sie ihn immer wieder als Sohn von Harry Koch ansprechen werden. Heute machen wir das noch genauso – wir unterhalten uns, sprechen über seine Leistung, ich gebe auch mal einen Tipp, aber mehr nicht.“

In Kaiserslautern ist Harry Koch als bodenständiger Kämpfer und sicherer Elfmeterschütze bekannt geworden. „Von mir hat Robin den Kampfgeist und den Ehrgeiz. Technisch ist er viel besser, er kann das Spiel lesen. Er hat in der Jugend auch Zehner gespielt, Sechser war er auch mal in Freiburg oder Leeds. Diese Vielseitigkeit ist sein großes Plus. Ich habe ihm die Titel voraus, er dafür Nationalmannschaftseinsätze“, lacht Harry Koch, der die Entwicklung seines Sohnes so beschreibt: „Er hat sich in vielen Sachen verbessert. Nicht nur im Fußballerischen, sondern auch als Leader, als Kapitän. Leeds hat ihm dabei sehr gut getan, mit Marcelo Bielsa als Trainer, der viel von ihm gefordert hat. Bei der Eintracht geht er voran, kämpft, treibt an.“

Als Vater sei er stolz darauf, dass Robin „nie abgehoben, immer auf dem Boden geblieben und ein ganz feiner Mann ist, der weiß, was er will. Er ist ein toller Familienmensch und immer wissbegierig“. Zudem habe er großen Respekt davor, wie viel Robin auf sich genommen habe, um von Dörbach nach Trier zu pendeln, teilweise noch während seiner Ausbildung zum Industriekaufmann. 2009, Koch ist erst zwölf Jahre alt, wechselt er in die älteste Stadt Deutschlands.

Wie kam es zum Wechsel zu Eintracht Trier?
Die Besten aus unserer Region haben damals in Trier gespielt. Ich hatte die Möglichkeit, dorthin zu wechseln, und mir war relativ klar, dass ich das machen will. Für meine Eltern steckte viel Aufwand dahinter. Für mich bestand der Anreiz, für den besten Verein der Region zu spielen.

Du kamst als Zehner, bist dann auf die Sechs gerückt und hast unter Deinem Trainer Alexander Stieg teilweise In- nenverteidiger gespielt. War das okay für Dich?
Ich war die ganze Jugend über eigentlich Zehner, teilweise habe ich sogar ganz vorne gespielt. Dann war ich als Sechser im Mittelfeld, da habe ich mich am wohlsten gefühlt. In der A-Jugend, als ich den ersten Kontakt zur ersten Mannschaft hatte, ging es Richtung Innenverteidiger. Anfangs hatte ich wenig Lust darauf. Es hilft mir bis heute weiter, dass ich so lange im Mittelfeld gespielt habe, um auch in der Profikarriere die Pässe und Abläufe im Mittelfeld zu kennen und meine Technik als Innenverteidiger zu verbessern.

Alexander Stieg ist bei Eintracht Trier damals U19-Cheftrainer und „Co“ der U15, in der kurioserweise Robins Bruder Louis spielt. Robin sieht er das erste Mal, als er sich auf seinen neuen Job vorbereitet und Eintrachts U17 beobachtet, in der Robin spielt. „Sie haben klar verloren, aber Robin ist auf der Zehn herausgestochen. In einem unserer ersten Gespräche habe ich ihm gesagt, dass ich ihn auf der Sechs einsetzen werde. Er war ein jüngerer Jahrgang, aber ich wusste, dass kein Weg an ihm vorbeiführen wird.“

„Physisch war er damals noch nicht so stark, aber das hat er durch Qualität wettgemacht. Seine Passschärfe, sein Kopfballspiel, das Läuferische – alles top. Wir waren schnell auf einer Wellenlänge, weil wir die gleiche Idee von Fußball haben. Das war damals die Hochzeit von Guardiolas Spielstil bei Barcelona, davon waren wir beide fasziniert.“ Auch abseits des Platzes verstehen sich Stieg und Koch gut. „Wir hatten viele Auswärtsfahrten im Siebensitzer, da merkst du, wie jemand mit den Teamkameraden umgeht. Das war immer sehr gut.“ Robin sei immer pünktlich und diszipliniert gewesen, „er hat nichts schleifen lassen und war auch damals schon Führungsspieler“.

Einen Schlüssel, warum Koch den Weg zum Bundesligaprofi geschafft hat („ich dachte damals schon: wenn nicht er, wer dann?“), sieht Stieg auch im Elternhaus. „Ich habe kaum etwas mitbekommen, sie haben sich nie eingemischt. Wir hatten immer angenehme Gespräche, es ging nie um Aufstellung oder Taktik. Sie habe ihre Söhne machen lassen.“

Am Ende einer etwas turbulenten Saison gewinnt das Team den Rheinland-Pokal. „Das hat uns zusammengeschweißt, zu einigen Jungs habe ich heute noch eine enge Bindung.“ Wie beispielsweise zu Robin Koch. Nach dem Interview im ProfiCamp meldet sich Stieg bei Koch, beide treffen sich noch auf einen Kaffee, tauschen Trikots aus. Fazit Stieg: „Robin hat das Herz am rechten Fleck, und das liegt auch an der tollen Erziehung der Eltern. Ich bewundere ihn für seine fußballerischen Fähigkeiten und dafür, wie er als Mensch ist.“

Wie lief der Übergang von der U19 zu den Männern in Trier?
In der U19 war es so, dass ich immer mal wieder bei den Profis mittrainiert und dann im zweiten Jahr die komplette Saison bei den Männern gespielt habe. Natürlich ist dieser Schritt eine Herausforderung, aber ich glaube, das hat mir bis heute sehr geholfen.

In diese Zeit fällt auch die Geschichte mit dem „Familienurlaub“?
Da mussten wir ein bisschen tricksen (lacht). Ich hatte bereits die Ausbildung angefangen und meinen Urlaub eingereicht, der war auch schon gebucht. Dann kam die Nachricht, dass ich bei den Profis dabei bin, die einen anderen Spielplan hatten. Ich habe gesagt, dass ich noch nicht mittrainieren kann, ich hätte Urlaub gebucht. Ich habe zwei Tage mit meiner Familie verbracht, bevor ich mit meinen Jungs nach Lloret de Mar geflogen bin. Das konnte man aber auch ‚Familienurlaub‘ nennen (lacht).

Dafür gab es ein Straf-Grätsch-Training?
Peter Rubeck war damals mein Trainer in der ersten Mannschaft und bekannt als harter Hund. Er war nicht gerade erfreut, dass ich ein paar Trainingseinheiten und das DFB-Pokalspiel verpasst hatte. Dann gab es ein paar Extraschichten, zum Beispiel nach dem Training im Regen Bälle rausköpfen und grätschen. Das war alte Schule, aber er hat dann auf mich gesetzt. Durch seine Trainingsmethoden habe ich viel mitgenommen, um in den Männerfußball reinzukommen.

Dann kam der 1. FC Kaiserslautern. Der Verein, mit dem Dein Vater Deutscher Meister geworden ist, will Dich haben. Das klingt nach einem Märchen.
Ich hatte nach diesem Jahr [in der ersten Mannschaft von Trier; Anm. d. Red.] drei, vier Angebote. Die erste Entscheidung war, ob ich überhaupt wegmöchte, da auch meine Ausbildung zu Ende ging. Die Firma wollte mich als Industriekaufmann übernehmen. Spielst du jetzt Regionalliga und arbeitest nebenbei wie in den vergangenen Jahren oder setzt du alles auf den Fußball und gehst deinem Traum nach? Mir war schnell klar, dass ich auf jeden Fall probieren möchte, mir meinen Traum zu erfüllen. Ich habe mich für Kaiserslautern entschieden.

Wie ist diese Entscheidung bei Deinem Vater angekommen?
Er hat sich, wie sonst auch beim Thema Fußball, rausgehalten. Wir haben uns alles angeschaut, die Entscheidung hat er mir überlassen. Damals waren Stuttgart und Gladbach noch interessiert, doch mein Bauchgefühl hat Kaiserslautern gesagt. Ich habe bei allen Schritten in meiner Karriere, die ich gegangen bin, auf mein Bauchgefühl gehört. Das hat immer gepasst.

Du hast beim 1. FC Kaiserslautern in der U23 angefangen. Tayfun Korkut war der erste Trainer, der Dich bei den Profis eingesetzt hat. Was hat er in Dir gesehen?
Er und sein Co-Trainer Xaver Zembrod [von Sommer 2024 bis Januar 2026 auch sein „Co“ bei der Eintracht; Anm. d. Red.] haben mich relativ schnell nach oben gezogen und mir das Vertrauen vom Trainerteam gegeben, dafür bin ich bis heute dankbar. Ich habe die ganze Saison durchgespielt und mich sehr wohlgefühlt. Das ging schnell, von der Regionalliga in die Zweite Liga.

Wie war Dein Verhältnis zu Tayfun?
Sehr gut. Ich war ein junger Spieler und habe versucht, alles aufzunehmen. Bis heute ist er ein Trainer, der mich stark geprägt hat, der mir viel mitgegeben hat. Mir haben seine Spielideen sehr gefallen. Die Dinge, die wir im Training gemacht haben, waren auch sehr spielerisch. Das kam mir als Innenverteidiger natürlich zugute für den Spielaufbau. Ich habe vielvon ihm profitiert und gelernt.

Wir treffen Tayfun Korkut in seinem Wohnort Esslingen am Neckar. Der 52-Jährige hatte Anfang der Saison 2016/17 beim 1. FCK einen dünnen Kader, es gab viele Abgänge und vor der Abreise ins Trainingslager kaum Zugänge. Sportchef Uwe Stöver legte ihm eine Kaderliste vor, Co-Trainer Xaver Zembrod analysierte. Korkut berichtet: „Xaver sagte zur mir: ‚Schau mal, Robin hat schon 50 Spiele im Männerbereich gemacht‘. Also haben wir mit dem U23-Trainer gesprochen und wussten dann, dass er viele Positionen spielen kann. Wir haben ihn mit ins Trainingslager genommen.“ Kurz vor Transferschluss verpflichtete der 1. FCK den damals 27-jährigen Innenverteidiger Ewerton. „Ein alter Haudegen, erfahren, hat Champions League gespielt. Wir dachten, dass das mit dem jungen, lernwilligen, fokussierten, sehr aufmerksamen Robin passen muss. Ewerton führt ihn, Robin wächst an ihm.“

Der Plan ging auf. Anfang Oktober gegen Bielefeld debütierte Koch in der Zweiten Bundesliga, ab dem nächsten Spiel bis zur Winterpause ist das Innenverteidiger-Duo Ewerton/Koch gesetzt. „Robin hat die Chance bekommen – und gezeigt, dass er bereit ist. Wir haben ihn losgelassen, er hat mit Leistung überzeugt.“ Übrigens: Auch die heutigen Bundesligastammkräfte Phillipp Mwene (Mainz/kurz vor Koch) und Robert Glatzel (HSV/ebenso gegen Bielefeld) schnuppern unter Korkut erstmals Zweitligaluft.

Korkut sagt über Kochs Fähigkeiten damals: „Er konnte sehr viel. Das hatte damit zu tun, dass er in der Jugend auf vielen Positionen gespielt hat. Er hatte ein sehr sauberes Passspiel, war sehr gut mit dem Kopf, mutig mit Ball, verlässlich, aufmerksam, hat sich immer reingeschmissen, gekämpft und war taktisch sehr weit.“ Über die Spielpraxis entwickelte sich Koch weiter – und wurde schnell mit der Vertragsverlängerung belohnt.

Hier kommt es zu einer emotionalen Szene. „Ich bin dazugekommen, als Uwe Stöver, Robin und sein Vater zusammensaßen. Harry hatte Tränen in den Augen und hat sich bei mir bedankt. Wir haben uns umarmt. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Das ist eine Geschichte, die mich berührt.“ Sein Vater sei „das beste Vorbild für Robin. Es ist wichtig, dass er da war – aber nie im Vordergrund, immer demütig. Robin braucht nicht viel Input, er lernt viel durch Schauen. Harry ist eine Ikone beim FCK. Wenn dann der Sohn dort aufläuft – da kriege ich heute noch Gänsehaut.“

Korkut fasst zehn Jahre später zusammen: „Die Eigenschaften für einen Führungsspieler und Kapitän hatte Robin damals schon. Aber dahin musst du dich entwickeln. Das hat er getan. Ich freue mich für ihn und seine Familie.“

Die Saison 2016/17 hast Du noch beim FCK angefangen und bist dann Ende August zum SC Freiburg in die Bundesliga gewechselt. Trainer dort war Christian Streich. Du hast ihn vorher im Urlaub besucht?
Der Trainer wollte mit mir sprechen, wie es normal vor einem Wechsel ist. Christian Streich war damals in Schweden. Wie es zu ihm passt, irgendwo im Wald, an einem See. Es ist öfter so, dass man sich aufgrund des engen Terminplans am Flughafen trifft, aber ich bin dann zu seinem abgelegenen Haus gefahren. Es war sehr schön dort, ganz ruhig. Ich war noch jung und ein bisschen aufgeregt. Wir haben gesprochen und ich hatte danach den Eindruck, dass es der richtige Schritt für mich ist, zum SC Freiburg zu gehen. 

Christian Streich erinnert sich im Face-Time-Gespräch mit uns an diese Situation. „Ich dachte, er kommt abends an. Robin kam aber morgens und hatte dann den ganzen Tag Zeit. Also habe ich gesagt: Komm mit zu uns ins Häusle! Wir haben zusammen gegessen und am See gesessen, sind später um den See spaziert. Es war ein schöner Tag, in wunderbarer Natur. Ich habe Robin als ruhigen, zurückhaltenden Menschen kennenge- lernt, wir hatten sehr gute Gespräche.“ Sportlich sei ihm „seine Präsenz und Ausstrahlung“ besonders aufgefallen, neben all den bereits von den anderen Protagonisten dieser Geschichte genannten Eigenschaften – sportlich wie menschlich.

Du hast Dich dort gut entwickelt, er hat Dich zum Nationalspieler gemacht. Was macht ihn aus? Wie ist er vorgegangen?
Als Trainer so lange an einer Station zu bleiben und so einen Eindruck zu hinterlassen, zeigt, was er für eine Persönlichkeit ist. Viele junge Spieler sind in Freiburg groß geworden, haben den nächsten Schritt dort gemacht – das war ein Argument für mich, dorthin zu gehen. Das gibt dir ein gutes Gefühl. Christian Streich lebt Fußball zu hundert Prozent. Ich glaube, er denkt Tag und Nacht über Fußball nach und ist natürlich, wie man ihn von der Seitenlinie kennt, sehr emotional. Sehr akribisch in Videoanalysen auf dem Trainingsplatz, er will immer Feuer sehen und er will immer, dass man Gas gibt. Das hat mir als junger Spieler in dieser Zeit sehr geholfen.

Von Simon Berg ist auch eine Geschichte zu Christian Streich überliefert. Dein Nachbar hat ihm einen Brief geschrieben.
Wir haben oft mit den Jungs aus dem Team wie Vicenzo Grifo, Marco Terrazzino, Janik Haberer und Lucas Höler bei mir Champions League geguckt. Dann haben wir mit einem Mini-Ball Fußballtennis bei mir in der Wohnung gespielt. Ich hatte eine Zwei-Zimmer-Wohnung, im Wohnzimmer war ein bisschen Platz für ein Feld, zwei mal zwei Meter. Ich hatte ein kleines Fußballtennis-Netz gekauft, da ging es dann heiß her, mit Turnieren, es war auch mal emotional, wir hatten Riesenspaß. Der Mieter unter mir war allerdings nicht so erfreut, er hat ein-, zweimal geklingelt und dachte, wir machen Party. Er wollte, dass wir aufhören. Wir waren dann ein bisschen ruhiger, aber zwei Tage später ging das nächste Turnier weiter. Wir haben erstmal nichts mehr von ihm gehört und ich dachte, das hätte sich erledigt.

Hat es sich aber nicht …
Irgendwann hat Christian Streich mich in sein Büro zitiert. Er hat gefragt, was bei mir zu Hause los sei, gerade Richtung Abend. Ich wusste nicht, was er meinte. Er habe einen Brief von meinem Nachbarn bekommen, dass bei mir anscheinend ständig Party wäre. Natürlich gab es die eine oder andere Feier nach einem Sieg, aber das war eher selten der Fall. Da musste ich ihm das mit dem Fußballtennis erklären. Ich glaube, er hat es mir dann auch geglaubt, es war ja wirklich so.

„Eine lustige Geschichte. Ich war nicht sauer, musste mir erstmal beide Seiten anhören. Vince [Vicenzo Grifo; Anm. d. Red.], Robin, alles fußballverrückte Jungs. Natürlich haben die bei jeder Gelegenheit gezockt“, schmunzelt Streich über jene Story.

Koch bekommt in Freiburg direkt viel Spielzeit. „Wir haben gute Rahmenbedingungen für junge Spieler, wir waren in der Breite nicht so gut besetzt wie heute. Mit seinen Fähigkeiten war klar, dass er uns weiterhilft und ein guter Bundesligaspieler wird“, meint Streich, der heute glücklich sei, dass „Robin so eine Karriere gemacht hat“. Die er freilich noch verfolge, auch mit dem Blick eines Ex-Trainers – „wie entwickelt er sich, wie sind seine Bewegungsabläufe“.

Wie entscheidend war Christian Streich für Deine Entwicklung?
Sehr entscheidend. Was er jungen Spielern mitgibt, auch außerhalb des Fußballs, ist beeindruckend. Er fordert immer hundert Prozent. Er hat mir als jungem Spieler das Vertrauen gegeben, das hat mir sehr viel bedeutet. Auch der Weg zum Nationalspieler war nicht selbstverständlich. Von Freiburg aus ist das nicht die Regel. 

Nach drei Jahren in Freiburg bist Du zu Leeds United nach England gewechselt. Was hat Dich gereizt?
Die Premier League und der Verein. Damals kam die Amazon-Serie über Leeds United raus, über den Aufstieg. Die habe ich mir angeschaut. Leeds United ist ein riesiger Traditionsverein, was mir im ersten Moment gar nicht so bewusst war. Das bekommst du erst mit, wenn du drüben bist, was sie für eine Fanbase und Tradition haben. Ich finde das super. In jungen Jahren ins Ausland zu gehen, hat mir für meine persönliche Entwicklung extrem viel gebracht. Ich habe drei Jahre in der Premier League gespielt, privat und fußballerisch habe ich viel mitgenommen.

Was sind Deine krassesten Erinnerungen aus der Premier League?
Die Zeit mit Marcelo Bielsa [Cheftrainer; Anm. d. Red.] war sehr prägend. Er hatte mich nach Leeds gelotst. Sein Wissen über Fußball mitzubekommen, wie er über Fußball denkt, wie er alle Gegner und auch uns analysiert – mit ihm zu arbeiten, war schon sehr besonders. Die Mentalität, wie die Engländer Fußball leben, gerade in Leeds, war beeindruckend. Schade, dass wir in meinem ersten Jahr wegen Covid fast die komplette Saison ohne Fans gespielt haben.

Seit 2023 bist Du bei der Eintracht, zunächst auf Leihbasis, mittlerweile fest. International zu spielen war sicher einer Deiner Beweggründe. Jetzt hast Du in allen drei Wettbewerben gespielt. Wie ist es, für die Eintracht international zu spielen?
Ganz besonders. Ich werde mein erstes Champions-League-Spiel nie vergessen. Das ist das Spiel, welches mir bisher am meisten in Erinnerung geblieben ist. Einmal, weil es mein erstes war, aber auch wegen dieser Atmosphäre hier. Das ist einfach noch mal ein anderes Level, als wir es schon kennen, wobei wir sehr verwöhnt sind. Dann gibt es noch eine Choreo und wir gewinnen 5:1 [gegen Galatasaray; Anm. d. Red.]. Was mich bestätigt hat, dass Frankfurt die richtige Wahl war. Wegen solcher Spiele und diesem Gefühl, wenn du rauskommst, so von den Fans empfangen und nach vorne gepusht zu werden, bin ich hierhergekommen.

In der vergangenen Saison haben wir Platz drei erreicht, Du hast 43 Pflichtspiele absolviert. War das Deine beste Saison als Profifußballer?
Natürlich brauchst du immer die Mannschaft außenrum. Wenn du dich wohlfühlst in der Mannschaft, sind die Chancen immer höher, dass du auch selbst gut spielst, wenn du gute Jungs um dich hast. Ich glaube schon, dass vergangene Saison vieles zusammenkam. Ich fühle mich extrem wohl hier und wir hatten eine Top-Mannschaft, eine geile Stimmung. Das pusht natürlich die eigenen Leistungen.

Kannst Du erklären, warum es dieses Jahr nicht ganz so rund läuft?
Es ist schon so, dass wir mit Omar und Heki [Omar Marmoush und Hugo Ekitiké; Anm. d. Red.] zwei Ausnahmespieler verloren haben. Zwei Jungs, die gezeigt haben, dass sie auf einem Top-Niveau immer noch diese Leistung bringen können. Die Umstellung, die du machen musst als Mannschaft, ist nicht so einfach. Du musst dein Spiel generell ändern, die zwei Jungs sind weg, die Stärken, die sie hatten, den Speed, den sie hatten, musst du versuchen, anders aufzufangen. Du musst die neuen Spieler integrieren und schauen,welche Stärken haben die, was ist anders als vorher. Diese Anpassung kann ein bisschen länger dauern.

Du bist Kapitän von Eintracht Frankfurt, wirst dieses Jahr 30 Jahre alt. Welche Ziele hast Du noch als Fußballer?
Auf jeden Fall einen Titel gewinnen! Das ist das, was mir in meiner Karriere noch fehlt. Ich habe jeden Schritt, den ich gemacht habe, bewusst so gewählt. Ich fühle mich bei der Eintracht superwohl. Je älter du wirst, desto länger willst du bleiben, du willst ankommen und länger als drei Jahre bleiben.

Stichwort Titel, wenn wir den Vergleich zu Deinem Vater ziehen. Er ist Deutscher Meister, Du hast Länderspiele bestritten. Gibt’s darüber manchmal Gefrotzel?
Ja klar! Deswegen muss ich unbedingt noch mindestens einen Titel gewinnen, er ist auch DFB-Pokalsieger. Natürlich versuche ich, ihn ein bisschen damit aufzuziehen, dass er nie Nationalspieler war. Aber die zwei Titel sind etwas sehr Besonderes.

Was genießt Du hier bei Eintracht Frankfurt?
Es ist tatsächlich der Alltag. Klar, nach einem 5:1 in der Champions League ist alles geil. Aber in dieser Saison hast du Momente, in denen nicht alles läuft. Im Fußball kippt die Stimmung schon mal, aber hier hast du trotz allem das Gefühl, dass wir zusammenstehen – egal, was passiert. Ich glaube, die Fans und der ganze Verein haben ein sehr gutes Gespür, woher wir kommen, was im Fußball passieren kann. Deswegen sage ich, es ist wirklich der Alltag. Ich komme jeden Morgen super gerne hierher, freue mich auf die Jungs in der Kabine. Es macht jeden Tag Spaß, die Jungs zu sehen, den Staff, alle Mitarbeiter im Verein. Wenn man schon ein bisschen was gesehen hat, weiß man, wie besonders das ist. Das sage ich auch immer den Jungs, die hier ihre Karriere beginnen. Das ist nicht überall so.