„Das war verrückt“
Vor 20 Jahren, am 11. April 2006, schießt Ioannis Amanatidis die Eintracht durch sein Goldenes Tor gegen Bielefeld ins DFB-Pokalfinale. Der heute 44-Jährige erinnert sich und beantwortet auch die Frage dieses Kolumnentitels.

Die Eintracht im Frühjahr 2006. In der Liga besteht Abstiegsgefahr, doch die Pokalreise läuft – unter anderem wurde im vorausgegangenen Oktober der FC Schalke 04 mit 6:0 aus dem Wettbewerb gekegelt. Gegner im Halbfinale ist Arminia Bielefeld, drei Tage zuvor gab’s auf der Alm in der Liga ein 0:1. Nicht so im Cup-Duell das die Eintracht mit 1:0 gewinnt und damit erstmals nach 18 Jahren wieder nach Berlin zum Endspiel reisen darf. Torschütze nach einer Vorlage von Stefan Lexa: Ioannis Amanatidis, der noch den Keeper aussteigen lässt und aus 16 Metern ins leere Tor einschiebt.

„Es gibt zwei Tore zu meiner Eintracht-Zeit, an die ich mich sehr gut erinnern kann“, erzählt Amanatidis heute. Eines davon ist jener Treffer gegen Bielefeld. Ein besonderer Moment sei für den Griechen dann der Abpfiff gewesen. „Absolute Erleichterung. Wir hatten gewonnen und waren für die kommende Saison im internationalen Geschäft dabei. Wir wussten schon vor dem Spiel, dass ein Sieg dafür reichen würde, weil die Bayern am Vorabend ins Endspiel eingezogen waren und damals der Finalverlierer für den UEFA-Cup startberechtigt war, wenn der Sieger sich über die Liga qualifiziert. Ein Jahr nach dem Aufstieg ab nach Europa, das war verrückt. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, dass ich in die Knie gegangen bin und die Arme hochgestreckt habe“, sagt Ama, der auch von den folgenden Europapokalnächten gegen Palermo und Newcastle schwärmt – aber auch hadert. „Wir haben die Italiener an die Wand gespielt, hätten gewinnen müssen. Dass wir 1:2 verloren haben, war sehr ärgerlich.“

Amanatidis ist dem Fußball bis heute eng verbunden. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn erwarb er sämtliche Trainerscheine, war Co-Trainer von Ex-Bochum-Coach Peter Zeidler in der Schweiz und hospitierte bei Friedhelm Funkel in Düsseldorf. Aktuell arbeitet er als Scout für den griechischen Fußball-Verband und beobachtet dafür Partien in Deutschland. Das konnte er kürzlich mit einem Besuch beim Jahresauftakt-Frühstück der Eintracht-Traditionsmannschaft verbinden, für die er gelegentlich aufläuft – und hoffentlich auch 2026 wieder als Torschütze in Erscheinung tritt, auch wenn die Treffer dann nicht mehr den Stellenwert haben wie damals gegen Bielefeld.

Früher Kapitän und Torjäger, heute Tradispieler und Griechen-Scout

Trainer in seiner zweiten Zeit bei der Eintracht – nach einem halben Jahr war er für die Saison 2004/05 nach Kaiserslautern verliehen worden – war über einen langen Zeitraum Friedhelm Funkel. „Wir hatten immer ein offen-ehrliches Verhältnis“, sagt Amanatidis. „Da gab es auch Meinungsverschiedenheiten, aber wenn du geradeaus und direkt bist, dann diskutierst du über Sachen, wo du dir nicht einig bist. Probleme haben wir immer aus der Welt geschafft. Nachdem Jermaine [Jones; Anm. d. Red.] weg war, hat Friedhelm mich im Sommer-Trainingslager 2007 in Österreich zum Kapitän ernannt. Das habe ich dankbar angenommen. Er wusste aber auch, was er an mir hat und dass ich mich um die Spieler in der Kabine kümmere.“

Amanatidis blieb bis zum Abstieg 2011 Adlerträger, war zwischenzeitlich Kapitän, absolvierte 158 Spiele, schoss 49 Tore und war immer mit voller Leidenschaft dabei. Nach einer Auswechslung flog auch mal eine Flasche, es gab Diskussionen mit Fans und Verantwortlichen, nicht immer blieb alles geräuschlos. „Ich lasse mich nicht verbiegen“, fasste er es kürzlich zusammen.

Dennoch ist er dem Verein immer treu geblieben und zeigt sich auch heute noch bei Gelegenheit im Eintracht-Kosmos. Einige Male war er als Experte bei EintrachtFM geladen, war Gast bei „Im Herzen von Europa“ und spielte für die Traditionsmannschaft. „Das macht großen Spaß. Da sind einige Jungs dabei, mit denen ich noch zusammen gespielt habe. Die Aktion ist super, die bringt Eintracht zu den Leuten – zu denen, die sich mit dem Verein identifizieren. Für uns ist es schön, alte Weggefährten wiederzusehen. Für jeden auf dem Sportplatz ist das ein besonderes Erlebnis.“

Text: Philipp Dibelka,
Michael Wiener
Fotos: Jan Hübner, Andreas Wolf