„Muss es lieben, im Dreck zu landen“
Sie gelten als speziell, exzentrisch oder als Einzelgänger. Doch innerhalb der Mannschaft kommt ihnen eine ganz zentrale Rolle zu, nicht selten haben sie entscheidenden Einfluss auf Sieg oder Niederlage. Die Rolle der Torhüter im Fußball hat sich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt, parallel wurde auch die Position des Torwarttrainers immer relevanter. Im Nachwuchsleistungszentrum ist Sven Schmitt für die Ausbildung und Entwicklung junger Talente zwischen den Pfosten verantwortlich. Im Gespräch mit der EvM-Redaktion gibt er Einblicke in seine Arbeit.

Text: Leonie Batke
Foto: Luca Weigand

„Als Torhüter darfst du keine Angst haben“, erklärt Sven Schmitt und bringt damit wohl eine der wichtigsten Eigenschaften eines guten Torwarts auf den Punkt. „Du musst dich da reinschmeißen, wo sich andere vielleicht wegducken würden, du musst dich auf den Ball werfen, auch wenn dir alle mit den Füßen dagegentreten wollen. Da muss man schon so ein bisschen crazy sein. Und man muss es auch lieben, im Dreck zu landen.“

Die Position des Torhüters unterscheidet sich nicht nur deshalb an vielen Stellen fundamental von den Aufgaben der Feldspieler, allein der Umstand, dass ein Keeper als einziger den Ball mit der Hand spielen darf, hebt ihn von seinen Mannschaftkollegen ab. Entsprechend birgt auch die Ausbildung eines guten Torwarts andere Herausforderungen, Herangehensweisen und Schwerpunkte als die Weiterentwicklung von dessen Vordermännern. Im Nachwuchsleistungszentrum ist es Sven Schmitt, der sich diesen Aufgaben stellt und als Teamleiter Torwarttraining die Entwicklung der Frankfurter Nachwuchstalente zwischen den Pfosten verantwortet.

Für das Ziel dieser Entwicklung findet Schmitt klare Worte: „Unsere Jungs sollen mutig und offensiv sein, selbstbewusst auftreten, mit Überzeugung und letzter Konsequenz arbeiten und mit absolutem Willen ihr Tor verteidigen. Ich glaube, das ist die oberste Priorität, aber sie sollen auch auf und neben dem Platz Verantwortung übernehmen, weil ich glaube, dass der Torwart grundsätzlich eine Sonderstellung hat, eine Position im Fußball, die einzigartig ist.“

Schmitt hat selbst von der U14 an die Jugendmannschaften bei Eintracht Frankfurt durchlaufen und feierte im Dezember 2000 sein Debüt in der Bundesliga. 2021 kehrte er als Torwarttrainer zurück ans Nachwuchsleistungszentrum. Seit seiner eigenen Zeit am Riederwald hat sich besonders die Arbeit mit Torwart-Talenten grundlegend verändert. „In meiner Jugend hatten wir keinen Torwarttrainer“, blickt der 49-Jährige zurück. „Bei uns hat sich der Co-Trainer mal die Torhüter geschnappt und ein paar Bälle in die Hand geschossen oder mal ein paar Flanken reingehauen. Der hat dir aber keine Anweisungen gegeben, ob das richtig oder falsch ist, ob du es gut oder schlecht machst. Er wusste es nicht, das war ja auch nicht seine Aufgabe.“

So wie sich die Rolle der Torhüter innerhalb der Mannschaft seitdem stark verändert hat, wird auch der Position des Torwarttrainers mittlerweile ein anderer Stellenwert beigemessen. Sven Schmitt mitgezählt sind allein im Nachwuchsleistungszentrum sechs Torwarttrainer für die Ausbildung der Eintracht-Schlussmänner verantwortlich, hinzu kommt ein eigener Athletiktrainer für diesen Bereich. Schon ab der U10 werden die Eintracht-Keeper so positionsspezifisch gefördert, ab der U14 hat jedes Team einen eigenen Torwarttrainer. „Da sind wir mittlerweile sehr breit aufgestellt, weil wir von dem Gedanken wegkommen wollten, dass ein Torwarttrainer zwei Mannschaften trainiert, da das zeitlich einfach nicht mehr gepasst hat“, erklärt Schmitt. Denn neben den Trainingseinheiten mit entsprechender Vor- und Nachbereitung sind die Torwarttrainer für Spiel- sowie Gegneranalysen verantwortlich und betreuen ihre Schützlinge auch abseits des Rasens intensiv.

Die Qualität des Torwarttrainer-Teams ist dabei wie auch auf anderen Trainerpositionen im NLZ sehr hoch: Neben den entsprechenden positionsspezifischen Lizenzen bringen die Coaches jeweils selbst Erfahrung zwischen den Pfosten mit. „Uns ist wichtig, dass ein Torwarttrainer alles, was wir verlangen, auch nachfühlen kann, weil er es selbst erlebt hat. Man muss diese Aufgabe mit Leben und Leidenschaft füllen, weil die Position selbst etwas Besonderes ist. Dementsprechend müssen sich die Torwarttrainer auch besonders verhalten.“

Innerhalb der Mannschaft bilden die Torhüter mit ihrem Trainer ein Team im Team. Bei Trainingseinheiten und Spielen sind sie oft die Ersten auf dem Platz, 30 bis 45 Minuten trainieren die Schlussmänner in der Regel individuell. Bei der genauen Ausgestaltung seines Trainings hat der jeweilige Übungsleiter freie Hand, wie Schmitt betont: „In dem Rahmen, in dem wir uns bewegen, kann jeder Torwarttrainer frei entscheiden, wann er welches Training ansetzt und wann er welche Inhalte trainiert. Wir trainieren jede Woche jeden Inhalt und alle Themen, die uns wichtig sind, damit die Torhüter best- möglich auf ihr jeweils nächstes Spiel vorbereitet werden.“

Sven Schmitt selbst betreut die Schlussmänner der U19 und begleitet seine Schützlinge damit auf den letzten Metern in Richtung Männerbereich. „Ich muss natürlich immer schauen, dass ich ein Training bastle, von dem am Ende des Tages alle profitieren. Wichtig ist, dass wir alle mitnehmen, alle fair und vor allem ehrlich behandeln, damit die Jungs immer wissen, woran sie sind, wie Stand der Dinge ist.“

„Wir wollen, dass der Torhüter den Spielaufbau mitprägt.“
Sven Schmitt, Torwarttrainer U19

Nach der individuellen Einheit stoßen die Keeper zum Rest der Mannschaft dazu. „Ich bin auch dort dabei, coache, wenn mir etwas auffällt, beobachte natürlich weiterhin, wie die Jungs auftreten und sorge für die Einteilung. Dabei achte ich darauf dass alle Torhüter die gleiche Spielzeit bekommen“, gibt Schmitt einen Einblick. Die Inhalte, die die jungen Torhüter dabei in Summe weiterentwickeln, sind vielfältig: Neben technischen Aspekten stehen gerade in den älteren Jahrgängen auch taktische Elemente im Fokus: „Das Torwartspiel hat sich über die Jahre hinweg generell verändert. Mittlerweile hat der Torwart schon auch eine spielentscheidende Rolle, was den Spielaufbau angeht, dementsprechend müssen wir ihm für das Spiel etwas mit an die Hand geben. Da geht es um Vororientierung oder Positionierung und die Fragen: Welche Lösungen habe ich, wenn ich Druck bekomme? Habe ich auch mal die Möglichkeit, den Ball lang zu schlagen? All diese Dinge müssen wir im Torwarttraining isoliert trainieren. Aber natürlich sind da auch die Mannschaftstrainer mitverantwortlich, die Jungs in dieser Hinsicht weiterzuentwickeln.“

Auch die Persönlichkeitsentwicklung spielt bei der Torhüterentwicklung eine wichtige Rolle. Auf keiner anderen Position werden Fehler so sehr bestraft, oftmals herrscht auf den Schlussmännern ein anderer Druck als auf deren Mannschaftskollegen. „Grundsätzlich sollten unsere Jungs selbstbewusst sein – das ist erstmal die Grundlage für alles“, betont Schmitt. „Wir wollen, dass der Torhüter den Spielaufbau mitprägt, also müssen wir als Trainer besonders im Nachwuchs mit einer gewissen Fehlerquote leben. Wir wollen nicht den Ball lang nach vorne schlagen, nur um kein Risiko einzugehen. Das ist nicht unsere Art. Man muss den Jungs aber auch dann, wenn es mal nicht so gut läuft, Selbstbewusstsein geben und darf sie nicht wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Ziel ist es, ihnen immer wieder das Gefühl zu geben, dass sie wichtig sind, auch wenn sie mal einen Fehler gemacht haben. Die Position beinhaltet das und die Spieler sollen auch Fehler machen – das ist wichtig für die Entwicklung.“