Wendepunkte 2016:
Kovac, „Auf Jetzt!“
Vor zehn Jahren hält sich die Eintracht durch die erfolgreiche Relegation gegen Nürnberg in der Bundesliga. Es ist das Happy End nach einer turbulenten Saison. Von „totaler Harmonie und super Stimmung“ vor der Spielzeit über den Tag, an dem Axel Hellmann „die Komplettplanung für die Zweite Liga“ angefertigt hat, bis zum Sieg bei den Clubberern, den Heribert Bruchhagen teilweise unter der Dusche und Marco Russ nach seiner Krebsdiagnose im Krankenhaus erlebt.
Es ist eine Frage, die in den vergangenen Jahren immer wieder rund um die Eintracht auftaucht. „Was wäre gewesen, wenn wir damals abgestiegen wären?“ Damals, an jenem 23. Mai 2016 in Nürnberg, als die Adlerträger nach dem 1:1 im Relegationshinspiel den Fuß in der Tür zur Zweiten Liga hatten. Der Spalt war einige Wochen vorher sogar noch weiter geöffnet, als die Lage kurz vor Saisonende fast aussichtslos erschien.
Das Ende 2016 ist bekannt. Die Eintracht gewinnt durch das Tor von Haris Seferovic (66.) mit 1:0 in Franken, hält die Klasse – und startet in ein Jahrzehnt voller sportlicher Erfolge. „Keine Ahnung, wo wir jetzt wären. Es war der Startpunkt für diese zehn Jahre“, sagt Marco Russ, damals Leistungsträger am Main. „Brutal, was in dieser Zeit entstanden ist. Die Anzahl der Mitglieder, die neue Geschäftsstelle, die Titel. Wie Eintracht Frankfurt explodiert ist“, ergänzt Russ, dessen Geschichte rund um die Relegation die Dramaturgie zusätzlich angeheizt hatte. Eine durch eine Dopingkontrolle entdeckte Krebserkrankung am Tag vor dem Relegationshinspiel, Russ spielte dennoch, ihm unterläuft ein Eigentor und er holt sich eine Gelbe Karte ab, im Rückspiel ist er gesperrt und wird schon am Tag davor operiert. Heute sagt er: „Mir geht’s gut!“
Die Saison im Zeitraffer: Vor der Spielzeit geht Axel Hellmann, damals Vorstandsmitglied, „davon aus, dass die Mannschaft eher in der ersten als in der zweiten Tabellenhälfte“ landet. Der Start glückt, unter anderem feiern die Adlerträger am vierten Spieltag mit dem 6:2 gegen Köln den höchsten Heimsieg seit 16 Jahren. Es folgt ein „Winter des Taumelns und ein Frühling mit noch mehr Taumeln“ (Hellmann), die Eintracht gerät in akute Abstiegsgefahr. Anfang März trennt sich der Klub von Cheftrainer Armin Veh, Niko Kovac übernimmt. Die Ergebnisse stimmen weiterhin nicht immer, aber die kämpferische Einstellung. Die „AUF JETZT!“-Kampagne wird ins Leben gerufen und stärkt den Zusammenhalt zwischen Verein, Mannschaft und Fans. Vier Punkte Rückstand auf das rettende Ufer nach dem 30. Spieltag werden umgemünzt in einen Matchball zum Klassenerhalt in Bremen. Die Partie geht nach einem späten Gegentreffer mit 0:1 verloren, es folgt die Relegation gegen Nürnberg. Mit Happy End.
In der EintrachtTV-Dokumentation „Auf Jetzt! Wie Eintracht Frankfurt seine Zukunft rettete“ sprechen Protagonisten von damals über die Saison und insbesondere das Saisonfinale 2015/16. 46 Minuten Gänsehaut pur! Hier einige besondere Zitate:
„Ich habe eine Komplettplanung für die Zweite Liga gemacht, jedenfalls bei kaufmännischen und finanziellen Themen. Alles andere wäre verrückt gewesen.“
Axel Hellmann über die Situation wenige Spieltage vor Schluss
„Niko [Kovac] war von Anfang an überzeugt, dass wir es schaffen. Er hat den Willen in unsere Mannschaft reingetragen.“
Marco Russ über Niko Kovac
„Wir haben versucht, NACH JEDEM Strohhalm zu greifen. Wir können nur erfolgreich sein, wenn wir in eine Richtung laufen. Diese Verbindung zwischen allen war wichtig.“
Niko Kovac über seinen Amtsantritt
„Wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir etwas hineintragen in den ganzen Prozess, was uns Energie gibt. […] Wir müssen die ganze Region nochmal erwecken und heiss machen und zeigen, dass die Region mit ihren Köpfen und Gesichtern dahinterstehen. Nicht nur mit Prominenten, sondern auch mit den Alltagsgesichtern, an allen wesentlichen Orten, wo sich die Fans treffen. In den Kneipen, in der Kleinmarkthalle und, und.“
Axel Hellmann über die Idee zu „AUF JETZT!“
„Der Druck war da. Die Herausforderung hat mich gereizt.“
Niko Kovac über seinen Amtsantritt
„Nach dem Abschlusstraining musste ich zu Bruno Hübner [Sportdirektor; Anm. d. Red.] ins Büro, ich dachte nichts Böses. Er sagte, es gibt einen Dopingverdacht. Danach haben wir direkt Tests gemacht und es wurde Hodenkrebs festgestellt. […] Ich bin im Tunnel, wollte den Verein und die Mannschaft nicht im Stich lassen und daher unbedingt am nächsten Tag spielen.“
Marco Russ über die Geschehnisse vor dem Nürnberg-Hinspiel
„Jan Strasheim [heute Direktor Kommunikation und Marke; Anm. d. Red.] kam auf uns zu mit der Kampagnenidee. Wir haben in unserer WG-Küche gesessen und über einen Slogan, eine Punchline nachgedacht. Wir haben gebrainstormt: Uns muss doch noch mehr einfallen, auf jetzt …“
Mathias Weinfurter, Fan und Künstler zur Entstehung von „AUF JETZT!“
„Wir haben uns in Frankfurt richtig einen verlötet, wie man in Westfalen sagt.“
Heribert Bruchhagen über die Klassenerhalts-Feier
„Der 8. März 2016 [Tag der Verpflichtung von Niko Kovac; Anm. d. Red.] war der Wendepunkt für die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre. Die Geschlossenheit hat uns für alles danach geholfen.“
Axel Hellmann