Das Yeboah-Haus
Es ist eine echte Institution in Frankfurt und für jeden sichtbar, der über den Hauptbahnhof mit der Bahn zum Deutsche Bank Park reist: das Yeboah-Haus. Tony ist kürzlich 60 Jahre alt geworden (siehe Seite 111). Anlass genug, sich das Haus in der Melibocusstraße 86 näher anzusehen. Hier der Auszug aus dem 42. Kapitel des Buches „59 Eintracht-Orte“.
Anthony Yeboah ist unbestritten einer der schillerndsten Stars der Eintracht. Gleich zweimal wurde er Torschützenkönig der Fußballbundesliga. Die Anhänger lagen dem gebürtigen Ghanaer zu Füßen, und wenn er heute nach Frankfurt kommt, ist seine Popularität ungebrochen. Die Buchautoren müssen beschämt zugeben, dass dies nicht immer so war.
Vor seinem Wechsel an den Riederwald spielte er für den 1. FC Saarbrücken – und in den Relegationsspielen 1989 auch gegen die Frankfurter Eintracht. Dies nahmen einige Fans der Eintracht zum Anlass, ihn rassistisch zu beschimpfen. Sobald er jedoch ab 1990 im Trikot der SGE Tor um Tor erzielte, verstummten diese Rufe in Frankfurt weitgehend. Das Frankfurter Comedy-Duo „Badesalz“ spiegelte das Szenario in einem ihrer bekanntesten Sketche, „Anthony Sabini“. Affenlaute und fliegende Bananen widerfuhren Yeboah und anderen dunkelhäutigen Spielern jedoch weiterhin regelmäßig in anderen Stadien. Gemeinsam mit seinen Kollegen Souleyman Sané, dem Vater des heutigen Nationalstürmers Leroy Sané, und Anthony Baffoe wehrte sich Yeboah 1990 gegen die Beschimpfungen und bezog in einem offenen Brief klar Stellung: „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien“, schrieben sie damals in der BILD.
Dieses Motto nahm der Frankfurter Künstler Mathias Weinfurter auf und bewarb sich 2013 mit der Initiative „Eine Frankfurter Hauswand wird zum Wahrzeichen für Toleranz“ bei der Ausschreibung des Preises „Im Gedächtnis bleiben“ des Frankfurter Fanprojekts. Die Idee, eine Frankfurter Hauswand für Toleranz und gegen Diskriminierung in Anlehnung an Yeboahs Zitat zu gestalten, fand Anklang. Die Initiative konnte den mit 1.000 Euro dotierten Preis gewinnen – und machte sich sogleich an die Arbeit. In der Niederräder Melibocusstraße 86 wurde eine Häuserwand gefunden, die Nassauischen Heimstätten erteilten die Genehmigung und im Sommer 2014 war es so weit. Ein großflächiges Konterfei von Anthony Yeboah ziert seit jenen Tagen die Rückwand der Häuserzeile. Darüber prangt in großen Lettern die Textzeile: „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien“. Wer mit der S-Bahn Richtung Stadion fährt oder vom Flughafen in die City, kann beim Halt an der S-Bahn-Station Niederrad einen guten Blick darauf werfen.
Über 200 Eintrachtfans kamen zur Einweihung des Murals. Auch Anthony Yeboah selbst war an diesem Tag mit seiner Tochter Shereena zugegen und zeigte sich mächtig beeindruckt. Dennoch wies er darauf hin, dass das Thema Rassismus keineswegs der Vergangenheit angehöre. Wie recht er damit hatte, zeigte sich auch darin, dass sich die Künstler während der Wandgestaltung nicht nur mit positiven Kommentaren konfrontiert sahen.
Fans der Eintracht stellten sich in den vergangenen Jahren immer wieder rassistischen, homophoben oder antisemitischen Tendenzen mit verschiedenen Aktionen wie „United Colors of Frankfurt“ entgegen. Diese Haltung ist nunmehr fest in den Leitlinien des Clubs verankert. Und dies ist letztlich auch dem Engagement von Anthony Yeboah zu verdanken. Jawohl: Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien!
Im Buch „59 Eintracht-Orte“, erschienen 2020, haben Axel Hoffmann und Matthias Thoma einen Stadtführer für alle Adlerträger erstellt. Die „Eintracht vom Main“ druckt exklusiv in jeder Ausgabe Teile eines Kapitels ab.