„Jeder fühlt sich der Familie zugehörig“
Eintracht Frankfurt ist weitaus mehr als nur ein Sportverein. Die Eintracht ist der größte Mehrspartensportverein der Welt mit einer professionellen Fußballmannschaft – mit zahlreichen Abteilungen und Sportarten, von Hockey über Leichtathletik bis hin zum Bobsport. Am Riederwald sprechen Vizepräsident Armin Kraaz, Leichtathletik-Abteilungsleiter Michael Krichbaum, Bobpilot Adam Ammour und Hockeyspielerin sowie Trainerin Irene Balek über das Vereinsleben und die besondere Eintracht-Familie.
Interview: Mia Ebert
Fotos: Tess Buchmüller
Die Gesprächspartner:
Armin Kraaz (61): Vizepräsident Sport von Eintracht Frankfurt e.V. und Eintrachtler durch und durch. Ehemaliger Profi-Spieler, Trainer und Nachwuchsförderer, im 31. Dienstjahr, kümmert sich um alle Belange rund um die Sporttreibenden Abteilungen .
Michael Krichbaum (45): Abteilungsleiter und Trainer in der Leichtathletik-Abteilung, seit 2017 mit dem Adler auf der Brust, mittlerweile sogar lebenslanges Mitglied, Teil des Wahlausschusses.
Adam Ammour (25): Der Bobpilot hat in seiner kurzen Zeit bei der Eintracht bereits Geschichte geschrieben: Er gewann im Februar die erste Medaille bei Olympischen Winterspielen überhaupt für die Eintracht.
Irene Balek (48): Seit 2011 als Hockeyspielerin und -trainerin bei Eintracht Frankfurt tätig. Als ehemalige Nationalspielerin und heutige Spielerin in der Damenmannschaft in der Oberliga Hessen kennt sie die Seiten des Breiten- und Spitzensports gleichermaßen.
Armin, wie würdest Du Eintracht Frankfurt in drei Worten beschreiben?
Armin Kraaz: Wichtige Begriffe sind Vielfalt, Diversität, und ganz wichtig: Breiten- und Spitzensport als ein Wort. Und Tradition natürlich. Ihr merkt, drei Wörter sind eigentlich zu wenig, um diesen Verein zu beschreiben.
Michael Krichbaum: Vielfalt auf jeden Fall, die Vielfalt nicht nur im Sport, sondern auch die Vielfalt unserer Gesellschaft. Das sind für mich so die prägenden Eigenschaften, verbunden mit einer starken Haltung.
Kraaz: Haltung ist ein wichtiger Begriff. Dass wir offen für alle sind, niemanden nicht nehmen aufgrund seiner Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Und dass wir natürlich unseren Generalauftrag darin sehen, möglichst viele Kinder und Jugendliche auf den Sportplatz oder in die Turnhalle zu bringen.
Was bedeutet Eintracht-Familie für Euch?
Kraaz: Das Schöne an so einem Verein wie unserem ist, dass diese Vielfalt aufeinandertrifft. Wenn man am Wochenende hier am Riederwald ist und hier wird Fußball gespielt, dort wird Hockey gespielt, hinten wird Tennis gespielt, in der Halle wird vielleicht noch geturnt und alle diese Sportler laufen über das Gelände. Oder in Nied, das ist auch ganz toll, wenn da draußen Rugby gespielt wird oder Leichtathletik stattfindet, und drinnen hast du Handball, Dart, Kampfsport oder Fechten. Es gibt kaum etwas Schöneres, finde ich, als zusammen Sport zu treiben.
Krichbaum: Wenn ich mit dem Fahrrad durch Frankfurt fahre, sehe ich an jedem dritten Auto unser Logo, den Adler. Du merkst einfach: Man ist hier mit Eintracht Frankfurt immer verbunden. Man sieht sich als Teil der Gemeinschaft, der Stadt, des Stadtlebens. Jeder fühlt sich der Familie zugehörig. Es wird dir immer geholfen. Hier wird niemand fallen gelassen.
Adam Ammour: Für mich ist es einfach diese Verbundenheit. Du siehst überall den Eintracht-Adler. Das ist wie ein Statement. Egal, was du machst bei der Eintracht – ob du Fan bist, ob du Trainer, Athlet oder was auch immer bist – sobald du dieses Zeichen siehst, kommt so eine gewisse Emotion auf, die die Leute verbindet.
Irene Balek: Man kommt immer sofort ins Gespräch. Wenn jemand sieht, dass man Eintracht-Klamotten trägt, wird man sofort angesprochen.
Kraaz: Wir sind „talk of the town“. Wir sind im Mittelpunkt dieser Stadt verankert, ganz tief in dieser Region. Das kann man weder lernen noch kaufen. Das hat sich entwickelt über 127 Jahre. Von der Breite in die Spitze ist das Credo.
Welche Bedeutung hat der Breitensport für den Verein?
Kraaz: Da erfüllen wir als Verein einen enormen sozialen und gesellschaftlichen Auftrag. Jedes Kind, jeder Jugendliche, der auf dem Sportplatz ist oder in der Turnhalle, der ist dadurch nicht auf der Straße oder auf der Couch und hängt am iPad oder sonst etwas.
Ammour: Wenn man fragt, wie kriegt man so viele Leute wie möglich in den Leistungssport, muss man erstmal auf den Breitensport schauen. Ich glaube, je mehr Leute man auf den Sportplatz bringt, desto höher ist die Chance, dass daraus etwas entsteht, was dann auch erfolgreich werden kann.
Wie entdeckt man Talente, Michael?
Krichbaum: Wir versuchen erstmal jedes Kind, jeden Jugendlichen aufzunehmen, zu entwickeln und zu gucken, ob da etwas passiert. Wir geben mit unseren Trainerinnen und Trainern das Mögliche, um den Jugendlichen den Weg zu öffnen. Ob sie ihn beschreiten wollen, liegt bei ihnen selbst.
Wie erreicht man, dass die Kinder langfristig im Sport bleiben?
Krichbaum: Die Kinder brauchen ein gutes Umfeld, in dem sie sich aufgehoben fühlen. Wo sie merken, hier wird sich um mich gekümmert. Am Ende ist es tatsächlich so, wenn ich diesen leistungssportlichen Pfad einschlagen will, brauche ich einfach Erfolg. Jemanden davon zu überzeugen, Geduld zu haben, ist die größte Herausforderung dabei. Wichtig ist, den Weg gemeinsam mit vielen Initiativen der Trainerinnen und Trainer zu gehen, die Zeit und Herzblut geben und sich kümmern. Wenn Kinder merken, hier ist jemand an mir als Person interessiert, dann glaube ich schon, dass man sie halten kann.
„Wir erfüllen als Verein einen enormen sozialen und gesellschaftlichen Auftrag.“
Armin Kraaz
Kann Spitzensport ohne funktionierenden Breitensport überhaupt existieren?
Krichbaum: Das würde nicht gehen. Irgendjemand muss dem kleinen Linus, der vielleicht mal in 15, 20 Jahren Olypionike wird, in den Sport führen. Das passiert bei uns im Kinder- und Jugendsport. Wir sind darauf angewiesen, dass wir Kinder und Jugendliche für den Sport begeistern, und über unsere Begeisterung kann dann Spitze entstehen.
Adam, wann hast Du festgestellt, dass aus dem Traum vom Sport Spitzensport geworden ist?
Ammour: Ich glaube, jeder Athlet, der mit Leidenschaft an seine Sportart ran- geht, hat diesen einen Traum vom Leistungssport, von Olympischen Spielen, von großen Highlights. Sei es eine Weltmeisterschaft oder ein Weltcup oder ein Wettkampf, den man vor sich hat, auf den man hintrainiert. Wenn die Wertestimmen, wenn die Motivation stimmt, die Disziplin ist auch ganz wichtig, ohne Disziplin hast du im Leistungssport wenig mitzureden. Das ergibt einen fließenden Übergang vom Breitensport in den Leistungssport. So zumindest war es bei mir. Dann – das kam auch schneller als erwartet – fand der erste internationale Wettkampf statt. Und dadurch ist man ja eigentlich schon im Leistungssport. Es gibt nicht den einen Punkt, an dem man sagt, jetzt bin ich Leistungssportler. Wenn der Weg und die Werte eines Athleten stimmen, dann kommt man irgendwie ans Ziel mit allen Höhen und Tiefen.
Armin, was machen Spitzensportler wie Adam als Vorbilder im Vereinsleben aus?
Kraaz: Es ist wichtig für junge Sportler zu sehen, was die richtig Guten im Training machen. Es ist auch ein Teil unserer Philosophie, dass wir möglichst wenige Sportler von außen verpflichten, sondern Sportler haben, die bei uns trainieren, die sichtbar sind für die nächste Generation. Es braucht Vorbilder, denen man nacheifern kann, die man verfolgen kann.
Balek: Um dort einzuhaken: Vorbilder sind extrem wichtig. Adam hat vor einigen Wochen neben unserem Hockeyplatz seine Sprintübungen absolviert, während wir Kindertraining gemacht haben. Tina [Burkert, stellvertretende Abteilungsleiterin der Hockeyabteilung, Anm. d. Red.] ist dann hingegangen und hat gefragt, ob er mal rüberkommen und mit den Kids ein bisschen plaudern kann. Eigentlich wollten wir nur ein Foto machen. Dann haben die Kinder Adam eine halbe Stunde lang Löcher in den Bauch gefragt und er hat geduldig alle Fragen beantwortet. Da haben wir das Leuchten in den Augen der Kinder gesehen. Sie haben noch über Wochen davon gesprochen, die waren begeistert. Das ist das beste Beispiel von der Eintracht-Familie.
Blicken wir nun in die Zukunft. Was sind die größten Herausforderungen im Vereinssport?
Kraaz: Infrastruktur. Wir brauchen mehr Infrastruktur. Die Sportstätten in Frankfurt sind im Prinzip ausgebucht. Also Infrastruktur, Infrastruktur, Infrastruktur.
Balek: Es gibt außerdem das Problem, dass wir einen Trainermangel haben. Wir haben viel zu viele Sportler und viel zu wenige kompetente Trainer. Viele machen das auch ehrenamtlich, das kommt dazu. Das ist eine der größten Schwachstellen.
Krichbaum: Wenn wir den Platz haben, die Infrastruktur, dann brauchen wir auch die Menschen, die bereit sind, ihr Wissen und ihr Engagement weiterzugeben.
Kommen wir zum Abschluss noch zu unseren Profis. Was erwartet Ihr als Fans denn von der kommenden Saison?
Balek: Adi Hütter als neuer Trainer ist aus meiner Sicht die Top-Lösung. Er hat bereits bewiesen, dass er attraktiven, offensiven und abwechslungsreichen Fußball spielen lässt. Ich hoffe, dass er diesen Ansatz auch diesmal wieder verfolgt. Dann blicke ich optimistisch in die Zukunft.
Ammour: Ich hoffe natürlich, dass wir in der kommenden Saison möglichst viele Spiele gewinnen und uns in der Tabelle noch ein paar Plätze nach oben arbeiten.Denn ich glaube, wenn der Fußball erfolgreich ist, profitiert auch unser gesamtes Netzwerk davon. Ich versuche deshalb auch, so viele Spiele wie möglich im Stadion zu verfolgen.