Der Traum von Olympia
Am Erfolg der Sportakrobatik bei der Eintracht sind ein starkes Trainerteam, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer im Hintergrund sowie engagierte Verantwortliche beteiligt. Eine davon ist Rike Goldbeck-Keitel, die seit der ersten Stunde die Sportart im Verein mitgeprägt und weiterentwickelt hat. Im Interview spricht die heutige Abteilungsleiterin Turnen, die auch Aufsichtsratsmitglied ist, darüber, wie sie zur Eintracht gekommen ist, warum Sportakrobatik für jede und jeden etwas ist und welche große Vision Eintracht Frankfurt Sportakrobatik verfolgt.
Gude Rike, wie bist Du zur Eintracht gekommen und seit wann bist Du hier?
Wie die Jungfrau zum Kind (lacht). Nein, durch die Kinder. Die erste Begegnung ist meistens durch die Kids, wie bei vielen anderen Eltern auch. Ich habe früher selbst geturnt und wollte auch immer, dass meine Kinder turnen. Durch eine Bekannte habe ich gehört, dass die Eintracht das beste Turnen in Frankfurt anbietet. Die Warteliste war jedoch so lang, dass ich dachte, hier gibt es dann erstmal keine Chance. Dann hieß es aber,dass gerade eine neue Gruppe startet, die nennt sich Sportakrobatik. Ich kannte die Sportart noch gar nicht. Aber dem Eindruck nach gingen die Kinder sowohl fröhlich hinein als auch fröhlich wieder heraus und Freude ist für sportlichen Erfolg ein wichtiger Baustein! Ich habe etwas später die Trainerin gefragt, ob ich unterstützen kann, da man ohnehin gerade Personal suchte. Die Idee fand sofort Anklang. In der folgenden Zeit habe ich Stück für Stück erst einmal verstanden, was Sportakrobatik überhaupt ist. Das war der Startschuss für mich: Seitdem bin ich infiziert!
Was genau sind Deine Aufgaben bei der Sportakrobatik?
Das ist sehr vielfältig. Ich habe das Ganze zusammen mit Lisa Hohmann aufgebaut. Das hat „super“ gepasst, ich vom Turnen, sie vom Fußball – wir hatten beide keine Ahnung. Wir haben es aber irgendwie doch hinbekommen, die Sportart erfolgreich nach vorne zu bringen. Heute kümmere ich mich um alles, was dazugehört: von den Trainerinnen und Trainern über unsere Mitglieder bis hin zu Themen wie Ausrüstung und die strategische Weiterentwicklung. Ich bin Ansprechpartnerin für mein Trainerteam, für Eltern, für unsere Sportlerinnen und Sportler – kurz gesagt: das klassische „Mädchen für alles“.
Was ist denn für Dich das Besondere an der Sportakrobatik bei der Eintracht?
Besonders begeistert mich die Kombination aus Vertrauen und Verantwortung. In der Sportakrobatik funktioniert nichts ohne beides. Niemand geht auf die Fläche, wenn er seinem Partner nicht vertraut. Gleichzeitig muss jeder Verantwortung für den anderen übernehmen. Genau das macht diesen Sport so besonders. Sportakrobatik vermittelt weit mehr als nur sportliche Fähigkeiten. In unserem Verein bekommen wir hier unglaublich viel Rückenwind. Dadurch werden uns Türen geöffnet, die für viele andere Vereine verschlossen bleiben. Vor Kurzem wurden wir als Leistungszentrum ausgezeichnet – ein riesiger Schritt. Und natürlich haben wir noch einen großen Traum: Wir möchten mithelfen, Sportakrobatik irgendwann olympisch zu machen.
Du hast es eben schon angesprochen, dass Ihr in kurzer Zeit stark gewachsen seid – was waren die wichtigsten Schritte, die dieses Wachstum ausgemacht haben?
Der entscheidende Faktor ist die Leidenschaft von allen Beteiligten – natürlich vor allem von den Sportlerinnen und Sportlern! Von den Rahmenbedingungen war die Kombination aus einer eigenen Trainingshalle und fest angestelltem Personal äußerst relevant. Dass beides gleichzeitig zusammenkam, war ein enormer Schub! Wir konnten die Sportart sichtbarer machen, Kadertrainings bei uns durchführen und zeigen, wie vielseitig sie ist. Viele denken bei den spektakulären Übungen, man müsse dafür ein Ausnahmeathlet sein. Das stimmt abergar nicht. Sportakrobatik bietet Platz für ganz unterschiedliche Talente – vom Breitensport bis hin zum Leistungssport.
Welche Rolle spielt die Eintracht innerhalb der deutschen Sportakrobatik?
Am Anfang waren wir ein ziemlich kleiner Fleck auf der Landkarte und wir waren auch meistens nicht auf dem Treppchen zu finden. Das hat sich aber innerhalb von drei bis vier Jahren geändert. Wir stellen aktuell die meisten Bundeskaderathletinnen und -athleten. Da merkst du auch schon, dass du einige Sachen doch verdammt richtig machst – und darauf sind wir natürlich sehr stolz.
„Wir als Turnabteilung sind ein Kitt der Gesellschaft, bei uns kannst du hinkommen, wenn du gerade mal laufen oder krabbeln kannst, bis du nicht mehr gut Laufen kannst.“
Rike Goldbeck-Keitel
Warum eignet sich Sportakrobatik denn besonders für Kinder und Jugendliche?
Sportakrobatik vermittelt weit mehr als nur sportliche Fähigkeiten. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, Vertrauen aufzubauen und als Team zu funktionieren. Manchmal wird man mit jemandem zusammengestellt, den man anfangs vielleicht gar nicht besonders gut kennt. Aber genau daraus entstehen oft die stärkstenPartnerschaften. Gemeinsam trainieren, gemeinsam scheitern, gemeinsam Erfolge feiern – das verbindet. Gerade in einer Zeit, in der viele Menschen vor allem über Bildschirme miteinander kommunizieren, ist das etwas sehr Wertvolles. Bei unsgeht es nicht gegeneinander, sondern miteinander. Und genau das macht diesen Sport so besonders.
Wie schafft man es, in diesem Sport das Leistungsniveau mit Spaß zu verbinden?
Wir starten ja schon mit den Minis, da fangen die Kinder bereits ab drei Jahren bei uns an. Sie lernen, „gerade“ zu laufen, zu balancieren, eine Rolle zu machen – das sind alles Grundlagen. Dann geht es weiter im Nachwuchsbereich. Bei einigen weißt du auch ganz genau, die wollen nicht über ihre Grenzen gehen und freuen sich, einmal die Woche einfach zum Spaß zu kommen. Wir haben außerdem Kinder, denen Tanzen sehr wichtig ist. Sie finden in der Showakrobatik ihren Platz. Es gibt natürlich auch Kinder, die bereit sind, 20 bis 30 Stunden in der Woche oder sogar länger zu trainieren. Sie sind im Leistungssport gut aufgehoben. Wir bieten für jede Sportlerin und jeden Sportler eine Gruppe, in der sie oder er sich wohlfühlen darf.
Seit ungefähr einem Jahr bist Du Abteilungsleiterin der Turnabteilung, die größte aktive Sportabteilung der Eintracht – wie kam es zu der Entscheidung und dem Schritt?
Der ausscheidende Abteilungsleiter ist nicht mehr angetreten und dann dachte ich mir, ich stell mich einfach mal auf und probiere es. Und es hat funktioniert! Ich versuche natürlich auch mit dem Elan, mit dem ich das hier aufgebaut habe, in die anderen Sportarten zu gehen. In die Funktion der Turnabteilung und in die einzelnen zusätzlichen Sportarten musste ich mich – ehrlich gesagt – erst einmal ein bisschen reinfuchsen. Wir haben auch schon viel bewegt. Zum Beispiel gehen wir in die Altenheime und machen Bewegungsstunden mit den Seniorinnen und Senioren. Wir als Turnabteilung sind ein Kitt der Gesellschaft, bei uns kannst du hinkommen, wenn du gerade mal laufen oder krabbeln kannst, bis du nicht mehr gut laufen kannst. Das macht diese Abteilung so wahnsinnig spannend, weil es so unglaublich facettenreich ist.
Außerdem bist Du Mitglied im Aufsichtsrat der Fußball AG. Das ist ja doch viel Verantwortung – wie bekommt man das unter einen Hut?
Ganz ehrlich: Ein 48-Stunden-Tag hätte durchaus seinen Charme (lacht). Ich arbeite oft abends weiter, wenn meine Kinder im Bett sind. Tagsüber bin ich meistens irgendwo auf dem Vereinsgelände unterwegs, in Meetings, in der Halle oder bei Veranstaltungen – es gibt ja nicht „die eine“ Tätigkeit. Natürlich gibt es Phasen, in denen alles etwas viel wird – zumal ich selbst weiterhin Training gebe und regelmäßig in der Halle stehe. Aber ich würde keine dieser Aufgaben missen wollen. Wenn man Dinge tut, die einem Freude machen und aus denen man Energie zieht, dann fühlt es sich selten wie Belastung an. Dann macht man sie einfach gerne.
Was bedeutet Dir die Eintracht denn?
Sehr viel. Die Eintracht ist für mich weit mehr als ein Verein. Sie ist ein Stück Zuhause und eine große Familie. Die Eintracht gehört fest zu meinem Leben. Hier spürt man Zusammenhalt, Leidenschaft und eine besondere Wärme. Genau das macht diesen Verein aus.
Gibt es einen besonderen Moment oder ein besonders Ereignis, das Dir im Kopf geblieben ist?
Da gibt es viele. Natürlich berührt es einen ganz besonders, wenn die eigenen Kinder den Adler auf der Brust tragen, Deutsche Meister werden oder bei internationalen Wettkämpfen starten. In solchen Momenten habe ich durchaus schon das eine oder andere Tränchen verdrückt. Aber genauso stolz machen mich die Erfolge aller anderen Eintracht-Sportlerinnen und -Sportler. Wenn jemand nach Jahren harter Arbeit auf dem Podium steht und eine Medaille gewinnt, freut man sich mit. Diese gemeinsamen Erfolgsmomente sind es, die den Verein und die Menschen darin so besonders machen. Am Ende ist es die Gesamtentwicklung der Sportakrobatik, der Turnabteilung und des Vereins – und wir haben noch viel vor!