Emotionale Leichtathletik-Woche
Birmingham, Alexander Stadium. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen auf die Tartanbahn, auf den Rängen wird es langsam ruhiger. Eine Woche lang fungierte dieses Stadion als große Bühne der europäischen Leichtathletik. Für neun Athletinnen und Athleten der Eintracht wurde sie zum Schauplatz von Medaillen, persönlichen Bestleistungen sowie Enttäuschungen – aber in erster Linie von Momenten, die noch lange im Gedächtnis bleiben werden.
Text und Fotos: Mia Ebert
Einer dieser großen Momente fand bereits am zweiten Tag statt. Hammerwerfer Merlin Hummel hatte sich am Vortag noch durch den Qualifikationswettkampf gezittert und wollte nun zu seiner alten Stärke zurückfinden. Nur ein einziger Tag lag zwischen diesen beiden Wettkämpfen.
Der Hammerwerfer startete solide in den Wettkampf, zwischen den Versuchen ging es an die Bande zu seiner Trainerin Kathrin Klaas, die extra aus Frankfurt mit nach Birmingham gereist war. Sie selbst war bis 2018 im Hammerwurf für die Eintracht aktiv, startete unter anderem drei Mal bei den Olympischen Spielen. Sie sprach dem 24-Jährigen immer und immer wieder gut zu.
Noch einmal sammeln, dann war Merlin Hummel bereit für seinen großen Wurf: Im fünften Versuch gelang ihm mit 81,30 Metern der Silberhammer. Ganz zur Freude seiner Trainerin, seines Bruders Matti und seiner Freundin Laura auf der Tribüne. Auch eine Eintracht-Delegation rund um Leichtathletik-Abteilungsleiter Michael Krichbaum und Vizepräsident Armin Kraaz war vor Ort und freute sich mit dem Hammerwerfer.
Doch Merlin Hummel ist nicht der einzige Eintrachtler, der an diesem Abend für einen Gänsehautmoment sorgte. Auch Sören Klose trat im Finale der Hammerwerfer an, zuletzt hat ihn eine Verletzung monatelang aus dem aktiven Geschehen herausgehalten. Nun meldete er sich direkt mit einem sechsten Platz und 78,13 Metern auf der internationalen Bühne zurück, was für großen Jubel bei seiner Familie auf der Tribüne sorgte.
Ein weiteres Highlight an Tag zwei bescherte Smilla Kolbe über 800 Meter. In einer starken Gruppe war vorab klar: Hier muss eine überragende Leistung her, um den Vorlauf zu überstehen und in das Halbfinale einzuziehen. Bei Sonnenschein und 28 Grad betritt die 24-Jährige mit ihren Konkurrentinnen die Tartanbahn. Die Tribüne bebte. Beflügelt von den Zurufen der Fans setzte Smilla Kolbe ein wahres Ausrufezeichen: 1:57,80 Minuten. Persönliche Bestleistung! Und gleichzeitig die schnellste Zeit einer deutschen Athletin über diese Strecke seit 1990. Im Halbfinale am Mittwoch wiederholte Smilla erneut ihre starke Leistung, lief die zweitschnellste Zeit ihrer Karriere. Doch nach dem Zieleinlauf blieb der gebannte Blick auf die Anzeigetafel. Im Fotofinish verpasste Smilla Kolbe das Finale nur um zwei Hundertstel, zeigte jedoch abermals, dass in den nächsten Jahren mit ihr zu rechnen ist.
Im Anschluss an das Rennen schaffte Smilla einen weiteren großen Moment der EM: Noch im Trubel nach dem Lauf nutzte sie die große Bühne für starke Worte gegen Hass und Rassismus in sozialen Netzwerken, plädierte für Respekt gegenüber den Athletinnen und Athleten, die Deutschland vertreten. Ihre Worte sind deutlich und zeigen, dass ein Wettkampf manchmal weit über Zeiten und Platzierungen hinausgeht – und für was Eintracht Frankfurt steht.
„Ich will gar nicht wissen, was wäre, wenn ich nicht so weiß wäre, wie ich bin.“
Smilla Kolbe nach ihrem Wettkampf im ZDF-Interview
Auch für Amadeus Gräber war Birmingham eine Premiere. Seine erste Europameisterschaft bei den Erwachsenen wurde zur zweitägigen Reise durch zehn Disziplinen. 100 Meter, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung, 400 Meter an Tag eins. Am zweiten Tag folgten Hürden, Diskus, Stabhochsprung, Speerwurf und schließlich 1.500 Meter. Es war heiß an den beiden Tagen, die Athleten kühlten sich mit Kühlpacks und Handtüchern ab, setzten sich zwischen den Durchgängen unter die aufgestellten Sonnenschirme.
Aber Amadeus Gräber ließ sich von der Hitze nicht beirren. Der Eintrachtler zeigte Selbstvertrauen, holte immer wieder das Publikum ab, forderte es auf, ihn anzufeuern. Einige Zuschauer hielten Schilder mit seinem Namen hoch. Bemerkenswert dabei: Im Team um Amadeus und seine beiden deutschen Konkurrenten Niklas Kaul (USC Mainz) und Leo Neugebauer (VfB Stuttgart) unterstützte man sich untereinander über die beiden Tage hinweg, immer wieder klatschte man sich ab und beriet sich.
Das Highlight des Zehnkampfes hielt der Stabhochsprung bereit. In seiner Paradedisziplin setzte Amadeus Gräber ein Ausrufezeichen: 5,10 Meter bedeuteten den Sieg in der Disziplinwertung. Vor den finalen 1.500 Metern lag Amadeus auf einem starken achten Rang, zeigte auch beim Lauf seine Willenskraft und hielt am Ende mit insgesamt 8.162 Punkten den achten Platz. Ein erfolgreicher Einstand auf der großen internationalen Bühne.
Aber auch einige Rückschläge gehören zur EM dazu: Aileen Kuhn erreichte zwar das Hammerwurf-Finale, fand dort aber nicht zu ihrer gewünschten Leistung. Im Anschluss an ihr Ausscheiden wurde sie von ihrer Trainerin Kathrin Klaas in den Arm genommen. Auch Merlin Hummel, der auf der Tribüne mitgezittert hatte, bahnte sich seinen Weg zu Aileen und fand tröstende Worte. Samantha Borutta verpasste das Finale dagegen schon am Vortag denkbar knapp. Im Diskuswurf schied Marius Karges bereits in der Qualifikation aus. Im Anschluss an den Wettkampf sagte er: „Ich bin direkt schon mit der Einstellung in den Wettkampf gegangen, dass ich von Anfang an 100 Prozent geben muss, weil ich wusste, wenn ich ins Finale kommen will, dann muss ich mein Leistungspotenzial auch ausschöpfen. Ich war mir eigentlich auch sehr sicher, dass ich es schaffe. Ich war super vorbereitet und habe mich sehr gut gefühlt. Das Einwerfen war auch noch gut, aber dann kam im Wettkampf irgendwie ein bisschen Unruhe rein.“
„Ich war super vorbereitet und habe mich sehr gut gefühlt. Dann kam im Wettkampf irgendwie ein bisschen Unruhe rein.“
Marius Karges
Zum Abschluss der Woche führte der Weg am Samstag aus dem Stadion hinaus in das Zentrum von Birmingham. Auf dem historischen Victoria Square begann der Marathonlauf der Geher. Christopher Linke und Johannes Frenzl standen an der Startlinie und waren bereit für ihre 42,195 Kilometer. Auch in diesem Rennen sollte Geschichte geschrieben werden. Durch die Straßen Birminghams, vorbei an Parks und Cafés, unter den Zurufen der Fans an der Straße, erreichte Christopher Linke nach 3:02:58 Stunden das Ziel: Platz acht und zugleich deutscher Rekord. Johannes Frenzl kam nach 3:09:12 Stunden ins Ziel, stellte damit eine neue persönliche Bestleistung auf und beendete den Wettbewerb auf Rang 15 – ein großartiges Ende für eine ereignisreiche Woche in Birmingham. Eine Woche, in der neun Eintrachtlerinnen und Eintrachtler ihre ganz eigenen Geschichten geschrieben haben. Eine Woche mit Silber, Rekorden und Bestleistungen.