Der alte Riederwald
In der Rubrik „Glorreiche Zeiten, traurige Tage“ geht’s unter anderem um den verheerenden Tribünenbrand am alten Riederwald vor 90 Jahren. Doch wo war der alte Riederwald genau und warum ist der alte Riederwald überhaupt der alte Riederwald? Hier der Auszug aus dem vierten Kapitel des Buches „59 Eintracht-Orte“, leicht gekürzt um den Inhalt über das besagte Feuer von 1936.
Fährt man die A661 von Bad Homburg kommend Richtung Offenbach (Vorsicht!), hat man auf Höhe der Ausfahrt Frankfurt Ost einen guten Blick auf das linkerhand liegende Gewerbegebiet. Hier, wo sich heute einige Autohäuser und ein Großmarkt befinden, war einst die Heimat der Eintracht, der alte Riederwald.
Es war im Mai Jahr 1920, als sich die Turngemeinde von 1861 und der Frankfurter Fußballverein zur Eintracht zusammenschlossen. Die Turngemeinde brachte neben der Halle im Oeder Weg auch ein großes Sportgelände am Ratsweg mit in die Ehe. Und im September 1920 konnte der „Sport- und Spielplatz am Riederwald“ mit einem Spiel der Eintracht gegen den Freiburger FC (1:1) eröffnet werden.
Der Riederwald galt als die größte deutsche Vereins-Sportanlage, sein Fassungsvermögen wurde „nach gewissenhafter Berechnung“ mit unglaublichen 40.000 Personen angegeben. Auf der Tribüne konnten 1.500 Menschen Platz nehmen. Neben dem Stadion mit Laufbahn verfügte die Anlage auch über drei Tennisplätze, ein Schlagballfeld, Hockeyplatz, ein weiteres Fußballfeld und ein Feld für Wurfübungen. In der Tribüne war neben den Funktions- und Umkleideräumen auch die von Heinrich Kraushaar betriebene Vereinsgaststätte. Begrenzt wurde das Vereinsgelände im Westen durch den Ratsweg, im Süden durch die Riederspießstraße (einst Treffpunkt der „Schlupper“, die durch ein Loch im Holzzaun umsonst aufs Stadiongelände „schluppten“), im Norden durch eine Kleingartenanlage und im Osten durch den Riederwald.
Im Stadion der Eintracht fanden Anfang der 1920er Jahre neben den Ligaspielen zahlreiche hochkarätige Sportveranstaltungen statt. 1922 war das Stadion Schauplatz des ersten Länderspiels in Frankfurt, Deutschland und die Schweiz trennten sich vor offiziell 37.000 Zuschauern 2:2. Der legendäre Hörfunkreporter Paul Laven übertrug an Weihnachten 1926 mit dem Derby Eintracht gegen den FSV Frankfurt (0:1) eines der ersten Fußballspiele im Radio.
In den frühen Morgenstunden des 18. Juli 1936 brannte die Tribüne des Riederwald-Stadions bis auf die Grundmauern nieder (Mehr dazu auf Seite 47). Doch auch das Glück mit der neuen Tribüne [nach dem Wiederaufbau; Anm. d. Red.] war nur von kurzer Dauer. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde es am Riederwald ruhig. Viele Mitglieder mussten zur Wehrmacht und zogen in den Krieg. Die Vereinsgaststätte wurde geschlossen, von 1942 bis 1944 diente die Tribüne als Unterkunft für Fremd- oder Zwangsarbeiter, insgesamt sind 79 Namen für das Lager in der Tribüne bekannt. Die Verwaltung des Lagers hatte die Deutsche Arbeitsfront inne. Anfang der 1940er Jahre wurde auf dem Gelände ein hölzerner Beobachtungsturm der Flugabwehr gebaut, am FSV-Stadion am Bornheimer Hang befand sich eine Flakstellung.
Das Ende des alten Riederwalds kam am 4. Oktober 1943. Beim ersten großen Luftangriff auf Frankfurt, bei dem 529 Menschen ums Leben kamen, trafen mehrere Bomben auch das Vereinsgelände der Eintracht. In den folgenden Wochen begann die Stadt, Schuttmassen des zerstörten Industriegebiets an der Hanauer Landstraße am Riederwald abzulagern. Der Verein wandte sich an Oberbürgermeister Krebs und beschwor die Bedeutung der Anlage, doch letztlich war das Schicksal des Stadions besiegelt.
Auch nach Kriegsende wurde der Riederwald als Sammelplatz für Trümmer genutzt. 1946 entstand auf dem Gelände des zerstörten Stadions die Trümmerverwertungsgesellschaft, in den folgenden Jahren wurden hier Ziegelsteine für den Wiederaufbau der Stadt geformt. Die Schuttmengen lagerten während des Wiederaufbaus übrigens auf dem Gelände des heutigen Festplatzes an der Eissporthalle.
Heute erinnert im Industriegebiet am Riederwald nichts mehr an das alte Stadion der Eintracht. In einem verwilderten Grünstreifen am Anfang der Riederspießstraße findet man im Unterholz noch Fundamente von einem Gebäude, die stammen aber von der Trümmerverwertungsgesellschaft. Das Mehrfamilienhaus Riederspießstraße 9 steht ungefähr an jener Stelle, an der einst der Trainingsplatz und das Hockeyfeld waren. Am Standort des einstigen Stadions befindet sich heute ein Großmarkt, und wir haben den begründeten Verdacht, dass die Fankurve der Eintracht ungefähr auf Höhe der Spirituosenabteilung lag. Ein authentisches Bild zeichnet sich tatsächlich am ehesten auf der A661 – und zwar im Winter. Wenn die Laubbäume des Riederwalds ihre Blätter verlieren, sieht man noch die markanten Kiefern, die auf zahlreichen Sportfotos aus den 1920er Jahren zu sehen sind.
Im Buch „59 Eintracht-Orte“, erschienen 2020, haben Axel Hoffmann und Matthias Thoma einen Stadtführer für alle Adlerträger erstellt. Die „Eintracht vom Main“ druckt exklusiv in jeder Ausgabe Teile eines Kapitels ab.