Der Junge von der Königsinsel
Love Arrhov hat im Alter von 17 Jahren die schwedische Heimat verlassen und ist zu Eintracht Frankfurt gewechselt. Als der Transfer, der zum 1. Januar 2026 vollzogen wurde, im Mai 2025 publik wird, ist das Talent aus Stockholm gerade noch 16 Jahre alt. Ein großer Schritt also für den Mittelfeldspieler, der in diesem Frühjahr sein Bundesligadebüt feierte und in dieser Saison weiter an Bundesligafußball herangeführt werdensoll. Doch wo kommt der mittlerweile 18-Jährige, der in den Testspielen regelmäßig zu Einsatzzeiten gekommen ist, her und wie ist er aufgewachsen? Die „Eintracht vom Main“ und EintrachtTV waren in der Sommerpause mit Arrhov in der schwedischen Hauptstadt, haben mit Familie und Freunden gesprochen.
Interviews und Reportage: Josef Huth, Michael Wiener
Fotos: Felix Pooth
„Ich fühle mich gerade wie vor zehn, zwölf Jahren, als ich hier jeden Tag gespielt habe“, sagt Love Arrhov. Es ist eine der klassischsten Arten, das Fußballspielen zu beginnen – in einem Käfig. Arrhov betritt diesen ganz besonderen Platz mit ganz besonderen Gefühlen. Es ist sein Platz.
Sommer 2026. Trainingsfreie Zeit, die Fußball-WM läuft. Love Arrhov ist zu Besuch in seiner Heimatstadt Stockholm in Schweden, der größten Stadt Skandinaviens, umgeben von Wasser und vielen Inseln. Im Stadtbezirk Kungsholmen („Königsinsel“) ist der 18-Jährige aufgewachsen. Hier trifft er an diesem Tag Familie, Freunde und Ex-Trainer.
Und er kickt auf seinem Platz. In seinem Käfig. Hartgummiboden und zwei Tore, heute sogar mit Netzen ausgestattet. Arrhov trifft auf zahlreiche Kids, die dort gerade dem runden Leder hinterherjagen. So wie er früher, genau hier.
„Du siehst aus wie Viktor Gyökeres“, sagt ein Junge zu ihm. Arrhov muss lachen. Gyökeres, der Schwede in Diensten von Arsenal FC, ist Nationalstürmer, trifft auch bei der WM 2026. Arrhov hat in der U16, U17 und U19 seines Landes gespielt und getroffen, von A-Nationalmannschaft redet noch niemand.
„Hier habe ich sehr viel Zeit verbracht. Mit meinen Freunden, mit anderen Jungs. Es waren immer Leute da. Es gab harte Matches, wir hatten einfach Spaß“, erzählt Arrhov, der mit den Kids kickt. Ein Trick hier, eine kleine Finte da, Abschluss, Tor – fast wie früher.
Wie früher steht auch Vater Johan im Tor. „Er kann im Tor bleiben, die ganze Zeit. Wir brauchen ihn draußen nicht“, schmunzelt Arrhov und sagt trocken: „Dad ist nicht so gut im Fußball.“ Mutter Carolina wird später erzählen, dass sie sich „nicht gut im Fußball auskennt“. Dennoch: Johan und Carolina haben dreifußballbegeisterte Kinder. Love hat noch zwei jüngere Geschwister, sagt über sie: „Sie sind zwölf und 13 Jahre alt. Meine Schwester ist wie ich Mittelfeldspielerin, diktiert das Spiel. Mein Bruder spielt auf dem rechten Flügel, ist Linksfüßer, schießt Tore.“
Love Arrhov scherzt und trickst ein paar Minuten mit den Jungs. Es geht familiär zu, nicht nur weil Vater Johan weiterhin im Tor steht. Er sagt über die fußballerischen Anfänge Loves: „Du warst früher immer auf dem Platz. Immer. Diese Liebe für den Fußball fing schon sehr früh an. Als du laufen konntest, hattest du immer einen Ball zwischen den Füßen.“
Das ist auch danach sehr häufig vorgekommen – und sein Talent sticht heraus. Arrhov feierte am 16. Februar 2025 im Alter von 16 Jahren sein Profidebüt im Trikot des im Stockholmer Stadtteil Bromma beheimateten IF Brommapojkarna (Kurzform: BP), die vollen 90 Minuten stand er dabei im Svenska Cupen gegen IK Brage auf dem Rasen. Für Arrhov folgten zwei weitere Pokalpartien inklusive seiner Torpremiere im Profibereich sowie schließlich am 24. April 2025 sein erster Einsatz in der Allsvenskan, Schwedens erster Liga. Beim IFB hat Arrhov die komplette fußballerische Ausbildung erhalten.
Zu seinem Trainer dort später mehr. Zunächst das Interview mit Arrhov aus Stockholm, im Stadion seines Heimatklubs, in dem er über sich, seine Kindheit, IF Brommapojkarna und den Wechsel nach Deutschland spricht.
Wie würdest Du Dich jemandem vorstellen, der Dich nicht kennt?
Ich bin ein freundlicher, offener Mensch. Ich versuche, jederzeit positiv zu sein und die Menschen um mich herum glücklich zu machen.
Erwähnst Du nicht, dass Du professionell Fußball spielst?
Wenn die Leute fragen, natürlich; wenn sie mich nicht daher kennen, dann sage ich es auch nicht.
Wie bist Du aufgewachsen?
Ich bin in Kungsholmen, Stockholm, aufgewachsen und habe mit fünf Jahren angefangen, Fußball zu spielen. Ich habe immer gegen Ältere aus einem örtlichen Team gespielt.
Welche Position hast Du damals gespielt?
Ich war mein Leben lang Mittelfeldspieler, das hat sich nie geändert. Ich war immer der Kleinste, doch ich glaube, das war ein Vorteil für mich. Ich habe gelernt, meinen Körper richtig zu nutzen.
Wie war die Schule für Dich?
Natürlich hat es auch Spaß gemacht, neue Freunde kennenzulernen. Jeden Tag ist etwas Neues passiert. Ich war ganz okay in der Schule, wahrscheinlich durchschnittlich, und fand es wichtig, auch mal Spaß zu haben, mit Freunden laut zu sein, nicht nur lernen, lernen, lernen.
Wie sah so ein klassischer Tag für den zehnjährigen Love aus?
Ich bin zur Schule gegangen, habe tagsüber mit Freunden Fußball gespielt. Das waren gute Spiele, wir haben uns wirklich angestrengt, und dann hatte ich nochTraining. Ich war als Kind sehr viel mit meinen Freunden draußen.
Ist es einfach für Dich, Spiele zu verlieren?
Nein, ich mag es nicht, zu verlieren. Ich habe nicht oft verloren, doch wenn es passiert, werde ich schnell sauer. Wir haben mal bei einem italienischen Turnier im Elfmeterschießen gegen Juventus verloren. Ich habe fast geweint, das war meine bisher schwerste Niederlage.
Wie war das, in diesem Alter so viel Arbeit in den Fußball zu stecken?
Natürlich muss man auch etwas aufgeben, kann nicht immer bis spät in die Nacht mit Freunden abhängen. Doch für mich war klar, dass ich meine Ziele erreichen möchte. Die Freude am Fußball kam für mich natürlich, ich hatte Spaß am Spielen, es war also ganz einfach. Schon seit ich klein war, wollte ich Fußball spielen. Ich liebe Fußball.
Welche Art Teammitglied warst Du?
Derjenige, der unterstützt. Wenn man Spaß hat, spielt man gut, also habe ich immer versucht, eine gewisse Positivität auszustrahlen.
Wir sind hier bei Deinem früheren Verein IF Brommapojkarna. Wenn Du den Kindern hier zuschaust, siehst Du Dich in ihnen?
Ja, das tue ich. Ich stand auch mal hier, habe das gleiche Trikot getragen. Es ist immer schön, der neuen Generation zuzuschauen.
Was war Dein erster Gedanke, als Eintracht Frankfurt Dich angefragt hat?
Es kam sehr plötzlich, aber es hat michglücklich gemacht. Ich wusste nicht viel über den Verein, nur, dass die Eintracht sehr großartige Fans hat. Dann schaute ich ein paar Spiele und mir wurde schnell klar, dass ich dorthin wechseln möchte.
Irgendwann hast Du den Vertrag unterschrieben.
Ich bin zwei Mal mit meinen Eltern nach Frankfurt geflogen. Einmal haben wir uns nur die Stadt angeschaut, beim zweiten Mal habe ich unterschrieben. Das war ein ganz besonderer Tag. Das Gebäude zu betreten, alle Leute kennenzulernen – ich war sehr glücklich.
Wie waren Deine Anfänge bei der Eintracht?
Es ist eine ganz andere Liga. Anfangs war es hart, doch ich konnte mich sehr schnell anpassen. Ich habe mich wohlgefühlt und konnte mich eigenständig einbringen.
Von welchem Spieler hast Du am meisten gelernt?
Hugo Larsson, mein schwedischer Teamkollege. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und er hat mich sehr herzlich willkommen geheißen, auch außerhalb des Klubs.
Was hast Du bei Deinem Debüt gegen Gladbach im Frühjahr gefühlt?
Es war ein Gänsehautmoment, ich war so glücklich. Als mir gesagt wurde, dass ich eingewechselt werde, war ich etwas nervös. Doch als ich dann auf dem Platz stand, fühlte ich keinen Druck und habe versucht, Spaß zu haben. Nach dem Spiel habe ich sofort meinen Papa angerufen. Meine Mama war im Stadion, das war schön.
Wie ist es, in so einem großen Stadion zu spielen?
Tatsächlich war ich das gar nicht gewöhnt, es ist sehr besonders für mich. Ich mag es, es gibt dem Team Energie.
Was vermisst Du am meisten?
Zunächst mal meine Familie. Ich bin ihnen sehr dankbar. Von klein auf haben sie mich unterstützt, mich zu weit entfernten Trainings gefahren, waren immer da für mich und haben mir geholfen, ruhig zu bleiben, mein Ding zu machen und dabei Spaß zu haben. Sie wissen, was für mich am besten ist, also höre ich auf sie. Ganz speziell vermisse ich das Essen meines Vaters, er kocht sehr gut. Aber natürlich denke ich auch gerne an Stockholm, die Stadt, die Natur dort.
Abwechselnde Elternbesuche aus der Heimat, die Kochkünste des Vaters werden besonders vermisst: Love Arrhov ist ein Familienmensch, der die Nähe der nun in der Regel zwei Flugstunden entfernten Angehörigen gerne hat. Vater Johan und Mutter Carolina sprechen beim Interviewtermin in einem Park in Kungsholmen über ihren ältesten Sohn.
„Wir haben ihn nie in diese Richtung gestupst, die Leidenschaft für den Fußball kam ganz natürlich. Love spielte jeden Tag Fußball, ob mit Freunden, in der Schule oder mit der Familie, selbst dann, wenn er eigentlich gar kein Training hatte“, erzählt Johan Arrhov, der auch bei der Vertragsunterschrift seines Sohnes in Frankfurt dabei war. „Der Klub strahlt eine gewisse Wärme aus. Ich habe noch nie so viele Umarmungen bekommen wie an dem Tag, an dem Love seinen Vertrag unterschrieben hat.“
Carolina Arrhov war ebenso wie ihr Mann „nervös, als Love erstmals für die Eintracht eingewechselt wurde“. Zu seinen Anfängen im Fußball sagt sie: „Er ist nirgendwo ohne Ball hingegangen. Love hat immer gegen Ältere gespielt, davor hatte er keine Angst.“ Sie sei unglaublich stolz, dass „Love so bodenständig ist“.
In Stockholm trifft die Redaktion auch zwei seiner Kindheitsfreunde. Sion Oppong und Viggo Kjellme, beide bezeichnet Arrhov als „beste Freunde“. Kjellmes Familie ist mit Arrhovs befreundet. Sie sagen über Love Arrhov:
Sion Oppong: „Wir haben uns im Alter von 14, vielleicht 15 Jahren kennengelernt. Wir haben nebeneinander in der Kabine von BP gesessen und uns dann immer mehr angefreundet. Wenn Love auf dem Platz steht, dann sehe ich nicht den großen Fußballer, der er jetzt ist. Ich sehe den kleinen Jungen, der neben mir in der Kabine saß. Er ist einer der nettesten Menschen und besten Fußballer, die ich kenne.“
Viggo Kjellme: „Ich kenne Love, seit wir neun Jahre alt waren. Wir haben zusammen in Vasastan gespielt, einem Stadtteil Stockholms. Wir sind sehr gute Freunde, sind auch gemeinsam zur Schule gegangen. Wir sehen uns immer noch sehr oft, ich möchte die Freundschaft mit Love nicht missen.“
Zwei Elternteile, zwei Jugendfreunde – und auch zwei Jugendtrainer. Johan Lager und Ulf Kristiansson haben Arrhov trainiert, Lager war sogar sein erster Fußballtrainer, über den Arrhov sagt: „Er hat mich geformt, bei ihm habe ich alle Basics gelernt. Ich bin ihm sehr dankbar.“ Johan Lager beschreibt Love als „ruhigen Jungen. Alle mochten ihn und er wollte immer das Beste für das Team. Wir haben nicht viele Spiele verloren und er mochte es nicht, zu verlieren.“ Er habe mit Love auch an dessen linkem Fuß, seiner Schwachstelle, gearbeitet. „Da war er manchmal frustriert, weil nicht alles direkt geklappt hat.“ Als das Team geteilt wurde und der Verein in einer Altersklasse zwei Mannschaften stellten konnte, „hat Love einfach für beide gespielt, weil er Lust darauf hatte“.
Irgendwann sei natürlich das Thema eines Vereinswechsels aufgekommen. „Ich habe immer gehofft, er würde noch länger bleiben, doch ich wusste, dass er eine größere Herausforderung braucht.“ Für die Zukunft erhofft sich Lager von Arrhov: „Es ist wichtig, dass er weiter an sich glaubt, Erfahrungen sammelt und keine Angst davor hat, wichtige Entscheidungen im Spiel zu treffen.“
Ulf Kristiansson hat trotz seines jungen Alters von 43 Jahren schon ein breites Spektrum an Stationen vorzuweisen. 2024 wurde er Trainer der U19 bei IF Brommapojkarna, wo er auf Arrhov traf. Beide wechselten gemeinsam zu den Profis, die Kristiansson heute noch trainiert. Davor hatte er unter anderem im Jugend- und Frauenfußball als Trainer sowie bei verschiedenen Landesverbänden (Nigeria, Schweden) als Scout gearbeitet. „Er hat so viel Erfahrung“, sagt Arrhov, „wir haben immer noch eine gute Verbindung.“
Kristiansson lobt indessen die Fähigkeiten Arrhovs: „Er hat ein ausgeprägtes Spielverständnis und kann sich an jede Situation anpassen. Was Love besonders macht, sind nicht nur seine individuellen Fähigkeiten, sondern seine Gesamtleistung und die Konstanz, mit der er sie immer wieder abruft. Er hat schon immer die richtigen Entscheidungen für seine Entwicklung getroffen und wenn ich ehrlich bin, wird er auch so weitermachen.“
Das hofft man bei der Eintracht ebenso. Gefragt nach Arrhov, lobte Cheftrainer Adi Hütter den Schweden im Trainingslager und bestätigte, dass es keinen Grund gebe, den 18-Jährigen auszuleihen. Im offensiven Mittelfeld ist das skandinavische Nachwuchstalent angehalten, Druck auf die etablierten Kräfte auszuüben und sich anzubieten.
Das deckt sich mit der Zielsetzung Arrhovs. „Ich möchte so viel spielen, wie ich kann, und dem Team helfen, eine gute Saison zu spielen.“ Wenn er dies tut, wird er irgendwann in seinem heimischen Käfig vielleicht nicht mehr auf die Ähnlichkeit zu Viktor Gyökeres angesprochen; dann hat er seine eigene Geschichte geschrieben.