„Mit Musik, aber ohne Kümmel“
Ein Stück Frankfurter Kultur in Grassau: Beim traditionellen Handkäs-Frühstück löst Adi Hütter ein nicht verjährtes Versprechen ein, auf Timmo Hardung und Christoph Preuß ist wie jedes Jahr Verlass und Noel Aseko, Jean-Mattéo Bahoya und Nnamdi Collins probieren zum ersten Mal das Frankfurter Leibgericht. So lief das außergewöhnliche Treffen zwischen Mannschaft und Fans im Trainingslager am Chiemsee.
Reportage: Daniel Grawe
Fotos: Max Galys
Die Gesprächspartner
Michael Leichtfuß (59): Seit Jahrzehnten Eintracht-Fan, Organisator des Handkäs-Frühstücks
Christoph Preuß (45), Adi Hütter (56), Timmo Hardung (36), Noel Aseko (20), Jean-Mattéo Bahoya (21) und Nnamdi Collins (22): Teilnehmer des Handkäs-Frühstücks.
An einem hochsommerlichen Dienstag Ende Juli 2026 löst Adi Hütter ein offenbar nie vergessenes Versprechen ein. Der neue alte Cheftrainer von Eintracht Frankfurt befehligt seine Mannen am sechsten Tag während des Trainingslagers in Grassau am Chiemsee. So sicher die Spieler sein dürfen, im staatlich anerkannten Luftkurort im Chiemgau eher weniger verschnaufen zu können, so mittlerweile naturgegeben ist das Handkäs-Frühstück der Eintracht-Fans.
Noch 2019 musste Hütter den Mitinitiator Michael Leichtfuß vertrösten, im Jahr darauf werde er sich die Frankfurter Sterneküche, so die Spieltagsnote des kicker, nicht entgehen lassen. Sollte nicht sein. Im ersten Jahr war Corona, im zweiten Jahr blieb Corona, im dritten Jahr ging Hütter.
Fünf Jahr später machen Leichtfuß und Hütter frühzeitig Nägel mit Köpfen, die Zusage gibt der Vorarlberger persönlich am Vortag. Freilich ist der 56-Jährige qua seines Amtes erstmal beruflich gefordert. Einerlei, es ist einmal mehr öffentliches Training, mit etwas mehr Menschenlücken hinter den Zäunen als üblich, weil sich einige Überzeugungstäter frühzeitig zu den Imbisszelten begeben haben. Was dem Bayern – um im Bundesland zu bleiben – sein Frühschoppe, ist dem Hesse hier der Handkäs – zuzüglich dem einen oder anderen Schoppe. Timmo Hardung und Christoph Preuß lehnen dahingehend ab, bleiben beim Wasser und lange Zeit beim eigenen Anhang.
Preuß: Michael, gibt’s eigentlich eine Statistik – das wievielte Handkäs-Frühstück von Euch im Trainingslager ist das?
Leichtfuß: Das sechste! Die Idee kommt aus der Gruppe, die sich von den Trainingslagern kannte. Das erste Mal war in Gais in Südtirol. Wir waren der Meinung, wir sollten auch mal etwas Hessisches beisteuern, weil wir mit den Leuten vor Ort gut konnten. Was lag da näher als Handkäs und Ebbelwoi.
„Micha, mir hast Du das Brot nicht geschmiert“, tönt es aus dem Hintergrund, als Leichtfuß den Sportdirektor und Lizenzspielerleiter bedient.
Leichtfuß: Ohne Gabel!
Die Worte kommen Leichtfuß nicht zum letzten Mal und nicht unbegründet über die Lippen.
Hardung: Ganz genau! Die Lernkurve ist mal so, mal so, aber das habe ich mir gemerkt.
Also Kenner?
Hardung: Zumindest nach dem vierten Mal, wo ich jetzt dabei bin. Mittlerweile mache ich mir das sogar zu Hause. Als Frühstück zwar weniger. Aber grundsätzlich schmeckt’s mir – vor allem mit ordentlich Butter drauf! Am liebsten abends zum Vesper.
Leichtfuß: Wir sind heute Abend auch noch da (lacht).
Ein verlockendes Angebot, aber der Lizenzspielerbereich hat schon andere Termine. Erst Teambuilding auf dem Chiemsee, anschließend ein Teamabend, an dem die Neuzugänge aus Team und Staff per Gesangseinlage ihren Einstand geben werden. Einer von ihnen, Noel Aseko, der nach dem Training zwischen den Holzbänken und mit direktem Blick auf die gehissten Banner des EFC Michelbach und der Fat Boys Platz nehmen wird, erlebt damit eine Turbointegration.
Leichtfuß: Preußi, es dürfte Dein sechstes Mal sein, oder? Ich weiß noch, wie ich Dich und Bruno Hübner beim ersten Mal in Gais angesprochen habe. Eure Zusage freut mich heute wie damals!
Preuß: Ehrensache. Wir sind ja nicht hier, um etwas auszuprobieren, was wir gut kennen. Wir mögen das Essen – und natürlich den Austausch mit Euch. Deswegen sind wir da.
Hardung: Das kann ich nur unterschreiben. Diese gepflegte Tradition ist immer wieder sehr gelungen. Alles ist familiär, die Leute haben Spaß und unterstützen uns auch beim Training. Es ist einfach ein Stück Frankfurter Kultur.
„Wir mögen das Essen – und natürlich den Austausch mit Euch. Deswegen sind wir da.“
Christoph Preuß
Sehen das die Spieler genauso?
Hardung: Handkäs steht jetzt nicht ganz oben auf dem Ernährungsplan. Die Jungs dürfen es natürlich trotzdem mal testen. Nach dem Training kommen bestimmt auch welche vorbei. Die einen werden es mögen, die anderen nicht. Unsere Frankfurter Jungs Timmy Chandler und Elias Baum sind auf jeden Fall auf der sicheren Seite.
Leichtfuß: Ich weiß noch, wie Imamy Toure zum ersten Mal Handkäs probiert hat. Im Testspiel danach hat er aus 25 Metern ein Tor geschossen. Da weißt Du, wo es herkommt!
Preuß: Sagt mal, wie viel habt Ihr eigentlich vorrätig?
Leichtfuß: 92 Stück!
Preuß: Vorhin waren wir bei 80 Kilo, dann 80 Stück, jetzt 92. Ich sehe schon, die Statistik wird hier fortlaufend korrigiert.
Wichtigste Frage zum Abschluss: Mit oder ohne Musik?
Hardung: Mit Musik, aber ohne Kümmel.
Leichtfuß: Ein bisschen Kümmel habe ich draufgetan, das gehört so.
Hardung: Also alles richtig gemacht!
Stabwechsel. Wie besprochen, kommt der Chefcoach zum Stammtisch, um im Bild dieser Rubrik zu bleiben. Bestellt ist schnell, „einmal bitte ohne Zwiebeln“. Geliefert wird auch schnell, „einer ohne Zwiebeln, einen Gesunden für Adi!“
Hütter: Dankeschön! Normalerweise gerne auch das Original: Aber später habe ich noch ein paar Gespräche, da will ich lieber Rücksicht auf mein Gegenüber nehmen.
Erklärt’s und lässt’s sich’s schmecken.
Leichtfuß: Nicht mit Gabel! Aber kein Problem, Sie sind nicht der Erste, dem wir das erklärt haben.
Hütter: Man sieht, dass ich lange keinen Handkäs mehr gegessen habe.
Noel Aseko, Jean-Mattéo Bahoya und Nnamdi Collins ergeht es nicht anders. Die Wurzeln der Youngster liegen in Berlin, Montfermeil in der Nähe von Paris und Düsseldorf. „Only with knive!“ „Nur mit dem Messer essen!“ Zweisprachig hagelt es Ratschläge der nach dem Trainingsende weiter gewachsenen Fan-Schar. Sicher ist sicher. Auch an gut gemeinten Motivationsmaßnahmen mangelt es nicht: „Heute geht’s um die Startelf, wer alles isst, ist drin!“ Großes Gelächter. Überhaupt ist die Stimmung am Siedepunkt bei Fußballern und Fans. „Just cheese and some onions, nothing else. You need to taste“, bekommt Bahoya zu hören. Den Zusatz „The music comes later“ scheint der Franzose zum Glück nicht mitbekommen zu haben. „Die hören auf zu essen, wenn Du das sagst“, geht das verbale Kreuzfeuer weiter. Dann ist das Mahl angerichtet, Collins nimmt den ersten Happen.
Jungs, wie schmeckt’s?
Bahoya: Als ich das Gesicht von Nnamdi gesehen habe, dachte ich, das muss schrecklich sein. Aber gar nicht. Ich mag es.
Collins: Ach, das täuscht. Nur die Zwiebeln um die Uhrzeit sind halt ungewohnt. Aber passt schon!
Aseko: Ich bin bei Nnamdi. Echt in Ordnung. Fürs erste Mal eben gewöhnungsbedürftig. Was trinkt Ihr eigentlich dazu?
Apfelwein oder Wasser.
Aseko: Wasser, bitte!