Werte des Sports unter der Friedensbrücke
Großes Saisonfinale der Bolzplatzliga mit reichlich Action im und neben dem Käfig, einem Sinn für Demokratie und einem sportlichen Vorbild aus der eigenen Stadt.
Als im Mai die Bolzplatzliga 2026 startete, stand neben dem Spaß am runden Leder nicht zuletzt der Besuch von Sara Doorsoun und Younes Ebnoutalib im Mittelpunkt, die sich als neue Paten vorstellten. Beide Identifikationsfiguren aus dem Eintracht-Kosmos, beide nahbare Charaktere mit bunten Lebensläufen und doch zwei unterschiedlichen Profigenerationen. Hier die 59-malige deutsche Nationalspielerin, dort der damals 22-jährige Winterzugang aus Elversberg. Als die Bolzplatzliga Ende September ihr großes Saisonfinale abhielt, war Ebnoutalib nicht nur ein Jahr älter, sondern auch um zwei deutsche A-Länderspiele reicher. Das Fußballmärchen eines Kinds der Nordweststadt, welches Philipp Reschke unter der Friedensbrücke zum Anlass nahm, um gekonnt den Ernst des Lebens mit dem Spaß am Spiel zu kombinieren. Das Vorstandsmitglied sagte in seiner Eröffnungsrede: „Eine Saison in der Bolzplatzliga und du bist vom ganz normalen Kicker zum Nationalspieler geworden. Bessere Werbung für dieses Format gibt es eigentlich nicht.“ Dann rollte die Kugel über den Asphalt, Endspiele und Stimmung unter den U13-Teams aus dem Gallus, Gutleutviertel, Nied, Niederrad und Bahnhofsviertel. Insgesamt hatten an der abgelaufenen Spielzeit 20 Mannschaften sowie 180 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 15 Jahren teilgenommen. Dass dabei knapp 1.000 Tore heraussprangen, ist bei diesem Projekt jedoch nicht die Hauptsache.
Wie passend, dass die sechs Teams im Schatten einer großen Graffitiwand zockten, auf der sechs gemeinsam erarbeitete Werte zu lesen waren: Respekt, Disziplin, Zusammenarbeit, Fairness, Toleranz, Entwicklung. Ein Mural, das die Kids unter Anleitung und mit Atemschutzmasken selbst veredeln durften, sorgte auch bei Philipp Reschke für Begeisterung. Der 54-Jährige erklärte am Rande des Turniers: „Der Fußball hat eine ganze Menge Dinge, die ihn über den eigentlichen Sport hinaus für die Gesellschaft wichtig machen. Er steht für Werte, und wer ihn spielt, muss diese Werte auch leben. Darauf haben sich auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bolzplatzliga in ihrem Wertekodex verständigt. Die Werte, die die Wand hinter uns zieren, haben sie selbst entwickelt – genau das war unser Ziel.“
Ein Ziel, auf dem sich die Verantwortlichen nicht ausruhen. Eintracht Frankfurt unterstützt das vom Sportkreis Frankfurt 2013 initiierte Format, das sich an Kinder und Jugendliche mit vielfältigen sozialen und kulturellen Hintergründen aus allen Stadtteilen richtet, zwar bereits seit vielen Jahren, allerdings sei, so Reschke, „unsere Zusammenarbeit mit der Bolzplatzliga in den vergangenen Jahren ein bisschen vor sich hingedümpelt“. Doch „jetzt füllen wir das Projekt wieder mit mehr Leben. Was Kinder und Jugendliche in diesem Alter auf dem Platz an Werten lernen, stärkt nicht nur ihre persönliche Entwicklung, sondern zahlt auch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein“.
Dem schließt sich Roland Frischkorn, Vorsitzender des Sportkreises Frankfurt, an: „Die Eintracht möchte Orte der Demokratie schaffen und unterstützen. Das gelingt mit der Bolzplatzliga hervorragend, denn die Liga ist selbstorgansiert und wurde von Beginn an gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt.“ Gerade darin liege eine besondere Stärke des Formats; die jungen Menschen übernähmen Verantwortung, brächten ihre Perspektiven ein und erführen, dass ihre Stimme gehört werde.
Konkret kommt auch hier wieder der vom Ligarat in zwei Workshops entwickelte Wertekodex ins Spiel, dem sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bolzplatzliga verschrieben haben. Dieser sei, so Frischkorn, „die Grundlage“ und „neu überarbeitet worden, weil die Kinder und Jugendlichen einfach jünger geworden sind und nun eine neue Generation die Bolzplätze in Frankfurt am Main bespielt“.
Ziemlich hip wirkte auch das Rahmenprogramm am Mainufer. Neben dem Graffiti-Workshop untermalte ein DJ den Wettkampf ehrenamtlich mit vorproduziertem 069-Sound. Stadionsprecher Daniel Wolf führe durch den Tag und sorgte bei den Teams sowie ihren Unterstützenden immer wieder für zusätzliche Stimmung. Ein Barber stellte seine Dienste zur Verfügung, die Kinder und Jugendlichen konnten sich in verschiedenen Skill-Challenges beim Schießen, Jonglieren und Passen messen und dabei tolle Preise gewinnen.
Als die Sonne hinter der Skyline verschwand und Sara Doorsoun unweit entfernt im Stadion am Brentanobad mit den Eintracht Frankfurt Frauen in die nächste Europa-Cup-Runde ein zog, ließ es sich Younes Ebnoutalib nicht nehmen, nach dem Mannschaftstraining zur Siegerehrung zu stoßen. Der Frankfurter Bub war nicht allein gekommen und hatte mit Ayoube Amaimouni einen weiteren waschechten Straßenkicker, der selbst innerhalb weniger Monate vom Drittligastürmer zum WM-Teilnehmer avancierte, im Schlepptau. Autogramme und Selfies verstanden sich von selbst, gefolgt von einem authentischen Ratschlag von einem, der sich vor zwei Jahren noch in der Regionalliga verdingt hatte. Plädoyer von Ebnoutalib: „Egal wie alt du bist, egal wo du spielst – du kannst es immer noch schaffen, wenn du dranbleibst und an dich glaubst.“
Dranbleiben werden Eintracht Frankfurt und der Sportkreis Frankfurt in jedem Fall an ihrem aufgefrischten Herzensprojekt. Reschke abschließend: „Das war keine Eintagsfliege. Das schreiben wir 2027 fort und ziemlich wahrscheinlich auch dar über hinaus.
1 Von der Bolzplatzliga hinterlassen: Der Wertekodex unter der Friedensbrücke.
2 Seiten auf 0(69).
3 Eintracht-Vorstandsmitglied Philipp Reschke richtet viele Dankesworte an die Helferinnen und Helfer.
4 Unter der Friedensbrücke geht es auch sportlich zur Sache.
5 Graffiti-Workshop im Zeichen des Demokratieverständnisses.
6 Endlich ist er da: Der Frankfurter Bub Younes Ebnoutalib.