Der Löwe aus Argenteuil
Mit 13 verließ Lilian Brassier seine Heimatstadt, den Weg und das Ziel fest vor Augen. 13 Jahre später zieht es ihn erstmals ins Ausland – zur Eintracht. Der späteste Zugang des Sommertransferfensters im Porträt.
Text: Stephan Weidemeyer
Bilder: Max Galys, Jan Hübner, Bianca Jockel
Lichtdurchflutet, atmosphärisch, farbenprächtig und eindrucksvoll – Worte, die einem begegnen, wenn man sich mit dem Werk von Claude Monet, dem bedeutenden französischen Maler, beschäftigt. Stimmungsvolle Kreationen per Pinselstrich. So etwa beim Gemälde „Häuser in Argenteuil“; eine Gemeinde nordöstlich von Paris am Ufer der Seine, in der Monet sieben Jahre lang lebte. Zugezogen.
Ein Kind der inzwischen auf 106.000 Einwohner gewachsenen Stadt ist Lilian Brassier. Keinen Pinsel in der Hand, sondern den Ball am Fuß, seit er jung ist. In den Anfangstagen sogar noch als Stürmer, nach eigener Aussage immer am Dribbeln, später dann herangewachsen zu einem beinharten Verteidiger. Schnell, robust, zweikampfstark, energisch – Worte, die einem begegnen, wenn man sich mit der Karriere des 26-Jährigen mit Wurzeln in Guadeloupe beschäftigt.
Die ersten Jugendjahre verbrachte er bei zwei Vereinen in seiner Heimat, im Alter von 13 verließ er die Stadt – seine Familie, das Haus in Argenteuil. Das Ziel: die Jugendakademie des Stade Rennais Football Club, 370 Kilometer entfernt in der Bretagne; die große Vision: Fußballprofi werden, es unbedingt schaffen. Blickte er in seinem Zimmer im Nachwuchsleistungszentrum des dreimaligen französischen Pokalsiegers aus dem Fenster, so sah er den Roazhon Park, das Stadion des Ligue-1-Klubs. Tägliche Motivation, im wahrsten Sinne des Wortes das Ziel vor Augen.
Doch der Teenager Lilian Brassier unterschied sich in wesentlichen Charakterzügen vom heutigen Lilian Brassier, er galt dem Vernehmen schlichtweg als zu nett. Sein ehemaliger Ausbilder Pierre-Emmanuel Bourdeau hatte ihm, so zu lesen in der französischen Zeitung L’Equipe, ein Poster mit einem Löwenkopf über dem Kopfkissen anbringen lassen – jeden Abend sollte er es anschauen. Es sollte ihm Kraft geben.
Die „erste echte Prüfung meines Lebens“, wie Brassier es später im Gespräch mit dem französischen Fußballmagazin SOFOOT beschrieb, folgte einige Jahre später. Als 18-Jähriger verbrannte er sich beim Kochen mit heißem Öl am Bein, er musste im Krankenhaus für Schwerstverbrennungen in Paris behandelt werden und absolvierte seine Reha in einem dafür spezialisierten Zentrum. Die Tage dort prägten sich nachhaltig bei ihm ein. „Das hat mir vieles bewusst gemacht. Ich habe Menschen in einem sehr, sehr kritischen Zustand gesehen. Ihre Familien kamen, ich hörte Weinen. Im Vergleich dazu war das, was ich hatte, überhaupt nichts. Ich will meine Schmerzen nicht herunterspielen, aber das zu sehen, hat mir noch mehr Kraft gegeben. Ich versuche gerade, mich in diesem Bereich zu engagieren. Das ist Teil meines Lebens und berührt mich“, so Brassier rückblickend.
Fester Teil seines Lebens war und ist der Fußball. Der junge Verteidiger ging seinen Weg. Dass dieser nicht einfach werden würde, war ihm dabei stets bewusst. Keine Luftschlösser. „Man beginnt früh mit dem Fußball und bringt sehr viele Opfer, um eines Tages dorthin zu gelangen, wo man sein möchte. Diesen Schritt zu machen, erfüllt mich mit großem Stolz. Das Schwierigste kommt erst noch“, sagte er, nachdem er im Sommer 2019 bei Stade Rennais seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte. Der Weg ist das Ziel, es folgte eine einjährige Leihe zum FC Valenciennes in Nordfrankreich. „Ich wollte im Profifußball spielen, ganz gleich, ob in der Ligue 1 oder in der Ligue 2“, beschrieb er später seine Motivation.
Für einige Monate zurück in der Bretagne, schloss sich Brassier Stade Brest 29 an, wo er im Coupe de France und Coupe de la Ligue auflief, schließlich mit 21 sein Erstligadebüt feierte und in vier Spielzeiten auf 117 Ligue-1-Einsätze kam. „Ich habe mich in Brest schneller weiterentwickelt, als wenn ich in Rennes geblieben wäre“, unterstrich der 1,86 Meter große Linksfuß und legte sich zugleich fest: „Das hat den Lilian Brassier von heute geformt.“ Es folgte der Schritt zu Olympique de Marseille, eine nicht ganz einfache, dafür aber lehrreiche Zeit. Zwölf Spiele an der Mittelmeerküste, noch zur zweiten Hälfte der Saison 2024/25 kehrte der Innenverteidiger, der vereinzelt auch schon als linker Verteidiger aufgelaufen ist, zu seinem Ausbildungsklub zurück. 44 Spiele in Pokal und Liga kamen in den nächsten anderthalb Jahren hinzu.
Es folgte die Entscheidung, Frankreich erstmals zu verlassen. Eintracht Frankfurt, im Herzen von Europa, Brassiers erste Auslandsstation. „Es ist eine große Ehre, für die Eintracht zu spielen. Ich bringe sehr viel Energie mit“, sagte er nach seiner Ankunft am EintrachtTV-Mikrofon: „Ich gehe als Kämpfer voran und stelle mich immer in den Dienst der Mannschaft.“ Der Löwe über dem Kopfkissen. Gemeinsam das Maximum erreichen, gemeinsam nach oben kommen. Seit seiner Ankunft in Frankfurt und dem ersten Spiel gegen Augsburg hat der Neuzugang noch keine Minute im Adlerdress verpasst.
(Flut-)Lichtdurchflutet, atmosphärisch, farbenprächtig und eindrucksvoll – Worte, die einem begegnen, wenn man sich mit den Heimspielen der Adlerträger im Deutsche Bank Park beschäftigt. „Ich freue mich besonders auf die Fans“, hatte der Franzose gesagt, der in Frankfurt die Nummer drei trägt. Eintrachts Abwehr soll in Zukunft noch stabiler werden. Mit Lilian Brassier, dem Jungen aus Argenteuil.