„Vielleicht
kann ich jetzt wirklich so spielen, wie ich selbst spielen möchte“
Im Sommer 2025 verlässt Marthine Østenstad zum ersten Mal
dauerhaft ihre Heimat Norwegen und wechselt zu Eintracht Frankfurt. Etwas mehr
als ein Jahr später, am 18. September 2026, platzt ein Knoten. Erstmals trifft
sie für die Adlerträgerinnen. Wie sich die norwegische Nationalspielerin in
Frankfurt eingelebt hat, was die Gründe für ihren Torerfolg waren, warum
„Schmetterling“ ihr liebstes deutsches Wort ist und was sie als „größte
Überraschung“ seit ihrem Wechsel nach Deutschland bezeichnet, erzählt sie der
„Eintracht vom Main“.
Text:
Chenoa da Silva Canton
Fotos:
Eintracht
18.
September 2026, Mainz, MEWA ARENA, über 16.000 Zuschauer: Die Eintracht hechelt
beim Tabellenletzten 1. FSV Mainz 05 einem 0:2-Rückstand hinterher. Es läuft
die 58. Minute, Erëleta Memeti bringt einen Eckball scharf vors Tor. Marthine
Østenstad dreht sich etwas vom Ball weg, bekommt ihn an die Schulter, das
Spielgerät trudelt über die Linie ins Tor. Nur noch 1:2 aus Sicht der
Frankfurterinnen, die Aufholjagd hat begonnen. Letztlich dreht die Mannschaft
von Niko Arnautis die Partie und gewinnt mit 3:2. Ein wichtiger Treffer also
von der norwegischen Innenverteidigerin. Es ist der erste im Dress der
Frankfurterinnen.
Østenstad
hatte sich vor der Saison zum Ziel gesetzt, diesen Teil ihres Spiels
weiterentwickeln zu wollen. „Ich weiß, dass die besten Innenverteidigerinnen
der Welt auch Tore schießen und bei Standardsituationen gefährlich sein können.
Das gehört für mich zu dieser Position dazu“, sagt sie. Kurz vor dem Spiel
hatte Østenstad noch mit dem Co-Trainer Analyse, Christos Rellas, darüber
gesprochen, bei Standardsituationen mehr Verantwortung zu übernehmen und zu
treffen. Dass es dann tatsächlich funktionierte, machte den Moment umso
schöner.
Seit
rund einem Jahr und drei Monaten lebt die 25-Jährige mittlerweile in Frankfurt.
Im Sommer 2025 war sie vom SK Brann aus Bergen, der zweitgrößten Stadt
Norwegens, zur Eintracht gewechselt und hatte einen Vertrag bis 2028
unterschrieben. Der Start verlief allerdings nicht ganz nach Plan. Eine
Verletzung machte die ersten Monate schwierig. Erst vor Weihnachten konnte sie
wieder richtig ins Training einsteigen und auf dem Platz stehen. Mit Beginn der
neuen Saison hat Østenstad nun das Gefühl, ihren Rhythmus gefunden zu haben.
„Vielleicht kann ich jetzt zum ersten Mal seit meinem Wechsel nach Frankfurt
wirklich so spielen, wie ich selbst spielen möchte.“
Dabei
war ihr Ankommen in Frankfurt mehr als nur eine sportliche Geschichte. „Von
Anfang an habe ich es genossen, Teil des Teams zu sein, die Menschen
kennenzulernen und die Stadt zu erleben“, erzählt die Norwegerin, die am 18.
März 2001 in Stavanger geboren wurde und seit 2023 norwegische A-Nationalspielerin
ist. Besonders die Mannschaft mache es ihr leicht, in einem neuen Land Fuß zu
fassen. Sie fand früh gute Freundinnen und erlebte eine Gruppe, die auch
außerhalb des Platzes gerne Zeit miteinander verbringt. Gerade wenn man in ein
neu es Land zieht, niemanden kennt, die Stadt noch nicht kennt und – wie
Østenstad – die Sprache zunächst nicht spricht, sei das eine große Hilfe. Mit
der deutschen Sprache klappt es inzwischen zumindest insofern, als sie ein
persönliches Lieblingswort gefunden hat: „Schmetterling“. Warum? „Weil ich
finde, dass es einfach ein süßes Wort ist“, sagt sie lachend.
Auch
auf dem Platz musste sich die 25-Jährige zunächst an einiges gewöhnen. Ihr
erstes Spiel für die Eintracht absolvierte sie am 10. Dezember 2025 gegen
Nürnberg. Die größte Herausforderung sei dabei gewesen, sich an den Spielstil
der Eintracht und die Vorstellungen von Trainer Niko Arnautis anzupassen. Bei
Brann war sie einen Fußball mit viel Ballbesitz gewohnt. In Frankfurt geht es
schneller nach vorne, mit einem stärkeren Fokus auf direkte Angriffe. „Ich
glaube, inzwischen habe ich eine gute Balance gefunden“, sagt Østenstad. Sie
könne Ruhe am Ball zeigen, gleichzeitig aber auch schneller nach vorne spielen
und gute Lösungen finden. Genau diese Entwicklung war für sie ein wichtiger
Antrieb. Schon bei ihrem Wechsel hatte sie das Gefühl, dass Frankfurt sportlich
und persönlich sehr gut zu ihr passen würde. Sie wusste, welches Potenzial der
Verein für ihre Entwicklung bietet und hat inzwischen das Gefühl, sich im vergangenen
Jahr sehr gut weiterentwickelt zu haben.
Dazu
gehört für sie auch die besondere Atmosphäre rund um die Eintracht. Als
Østenstad nach Frankfurt kam, wusste sie bereits, dass zwischen Mannschaft und
Fans eine besondere Verbindung besteht. Inzwischen hat sie selbst erlebt,
welchen Unterschied die se Leidenschaft machen kann. Besonders deutlich wurde
das beim Spiel gegen Mainz von jenem 18. September, dem Tag mit ihrem
Premierentor. Noch nie waren so viele Fans in der Liga bei einem Auswärtsspiel
der Eintracht Frauen mitgereist. „Für viele Fußballe rinnen ist es ein großer
Traum, vor einem vollen Stadion und in großen Stadien zu spielen“, sagt sie.
Die Leidenschaft der Fans übertrage sich auf die Mannschaft und bringe die
Spielerinnen dazu, ihr eigenes Level noch einmal zu steigern. „Man möchte für
Menschen spielen, die so leidenschaftlich dabei sind.“
Genau
diese Kultur war für die norwegische Nationalspielerin ein wichtiger Grund,
nach Frankfurt zu kommen und sie ist auch ein Teil dessen, was die Bundesliga
für sie besonders macht. Das Niveau sei höher, die Spiele schneller und die
Fankultur noch leidenschaftlicher. Gleichzeitig habe sie gelernt, dass die
Atmosphäre bei Eintracht Frankfurt etwas Besonderes ist: „Ich glaube nicht,
dass es bei jedem Verein genauso ist.“
Wenn
sie auf ihre bisherige Zeit zurückblickt, kommt ihr nicht zuerst das erste Tor
in den Sinn. Ihre schönste Erinnerung ist ihr erstes Spiel von Beginn an bei
der mittlerweile abgestiegenen SGS Essen am 14. Spieltag der Vorsaison. Nach
dem schwierigen Start sei es für sie ein besonderer Moment gewesen, erstmals in
der Startelf zu stehen. Ein persönlicher Meilenstein, der zeigte, dass sie auf
dem richtigen Weg war.
Dieser
Weg spielt sich für die Verteidigerin allerdings nicht nur auf dem Fußballplatz
ab. Sie hatte vor ihrem Wechsel nach Deutschland darüber nachgedacht, wie es
sein würde, im Ausland zu leben. Eine ihrer größten Sorgen war, sich isoliert
zu fühlen. Sie stellte sich vor, zum Training zu gehen, anschließend nach Hause
zu fahren und davor und danach nicht allzu viel zu erleben. „Ich glaube, das
war die größte Überraschung, seit ich hier bin.“ Denn genau das Gegenteil ist
eingetreten. Die Mannschaft ist für sie längst auch abseits des Fußballs ein
wichtiger Teil ihres Lebens geworden. Auch Frankfurt selbst hat sie für sich
entdeckt. Einen ihrer Lieblingsorte findet man in Bockenheim: „Ordinary
Coffee“, ein kleiner Laden, in dem es für Østenstad den besten Kaffee gibt.
Vielleicht
liegt genau darin das, was ihre bisherige Zeit in Frankfurt ausmacht. Sie kam
in eine neue Stadt, zu einem neuen Ver ein und in eine neue Liga. Sie musste
sich an einen anderen Fuß ball gewöhnen, eine Verletzung überwinden und ihren
Platz finden. Gleichzeitig hat sie Freundinnen gefunden, die Stadt lieben
gelernt und eine Verbindung zu den Fans aufgebaut. In zwischen gibt es auch auf
dem Platz immer mehr Momente, die zeigen, dass sie angekommen ist. Ihr erstes
Tor war einer davon. Denn für Østenstad ist die eigene Entwicklung eng mit
ihrem Wohlbefinden außerhalb des Fußballs verbunden. „Für mich ist es sehr
wichtig, auch neben dem Fußball glücklich zu sein, um auf dem Platz meine
Leistung abrufen zu können.“ Nach einem Jahr und drei Monaten in Frankfurt weiß
sie deshalb nicht nur, dass sie sportlich den nächsten Schritt machen kann. Sie
weiß auch, dass Frankfurt für sie längst mehr geworden ist als nur die nächste
Station ihrer Karriere.