Profitraum
und Pufferzone
Der Weg in den Profifußball kann nicht nur hart, sondern
auch facettenreich sein. Jeremiaha Maluze hat es mit 21 vorgemacht, der
17-jährige Niklas Scheller steht noch heute in der Kurve. Zwei Modelle für ein
übergeordnetes Ziel.
Text:
Daniel Grawe
Fotos:
Alessandro Crisafulli, Jan Hübner, Bianca Jockel, Max Galys
Mitte
Mai in Hattersheim, Gipfeltreffen in der Hessenliga. Der Zweite FC Eddersheim
gegen den Tabellenführer Eintracht Frankfurt U21, beide Teams stehen als
Relegationsteilnehmer beziehungsweise Aufsteiger bereits fest. Nach knapp einer
Stunde, die Gäste führen unter anderem nach einem Doppelpack von Keito
Kumashiro mit 3:0, betritt Niklas Scheller das Feld. Premiere im
Erwachsenenfußball für den 17-Jährigen, der sich als Zehnjähriger über ein
Talenttraining für das Nachwuchsleistungszentrum empfahl und seit 2018 weit
über 100 Juniorenspiele mit dem Adler auf der Brust bestritten hat. Schellers
Nebenmann in der Innenverteidigung ist für die besagte letzte halbe Stunde der
etwa vier Jahre ältere Jeremiaha Maluze, der im Sommer zuvor von Rot-Weiß
Erfurt zum damaligen Regionalligaabsteiger gewechselt war.
Dass
die beiden keine drei Monate später zu den 27 Auserwählten zählen, die der neue
Cheftrainer Adi Hütter zu Beginn ins Trainingslager nach Grassau mitnimmt,
bezeichnen sie nach wenigen Tagen am Chiemsee unisono als „überraschend“. Einen
Tag vorher habe ihnen NLZ-Kaderplaner Nino Berndroth die Einladung übermittelt,
berichten Jerry und Schelle, wie sie sich im Doppelinterview gerne gegenseitig
bezeichnen. Neben der erstmaligen Teilnahme am Trainingslager einer
Profimannschaft haben sie zunächst nur die Position in der Abwehrzentrale
gemein. Auf den zweiten eigentlich auch. Gleichzeitig eint beide dasselbe Ziel
wie alle Jungadler: oben anzukommen. Am liebsten unterm Adlerdach. Auf welchem
Bildungsweg auch immer.
Anfang
Juni machen Markus Krösche und Adi Hütter deutlich, wohin die Reise gehen soll.
„Eine Mannschaft mit 17 Feldspielern auf Topniveau“, schwebt dem Sportvorstand
vor, um die Positionen dahinter „mit eigenen Talenten besetzen“ zu können. Auch
der Chefcoach betont zu Beginn seiner zweiten Amtszeit am Main: „Wir werden den
einen oder anderen Platz freischaufeln für die Jungs aus dem eigenen Nachwuchs.
Das liegt mir genauso am Herzen wie Markus.“
Gesagt,
getan, was die personelle Konstellation am Chiemgau betrifft. Neben Maluze und
Scheller schlagen auch Kumashiro, Amil Siljevic und Niko Ilicevic ihre Zelte in
der Alpenrepublik auf. Dazu gesellt sich der dänische Sommertransfer Malik
Pimpong, zu jenem Zeitpunkt ohne Einsatz im Profifußball. Noch. Zu nennen ist
immer wieder auch Elias Baum, zwar kein Greenhorn, gleichwohl waschechter
Riederwälder und nach dem Leihjahr in Elversberg in den ersten Saisonspielen
gesetzt. Später rücken Ebu Bekir Is und Julian Etse nach. Gewissermaßen stehen
auch sie für die scheinbaren Gegensätze. Bekir Is gehört demselben
2008er-Jahrgang wie Scheller an und ist ähnlich lange im Verein. Etse ist 20
Jahre alt, kam im Juli vom SSV Ulm, nach einer Trainingseinheit im Testspiel
gegen Trabzonspor direkt zum Zug und unlängst in den Genuss des ersten
Lizenzspielervertrags.
Genau
wie Maluze, der nach seinem unerschrockenen Auftritt gegen den türkischen
Pokalsieger meinte: „Man gibt Gas, versucht das Beste draus zu machen.
Einschüchtern lasse ich mich nicht und versuche einfach, zu hundert Prozent
meine Leistung abzurufen. Egal, wer mir gegenübersteht.“ Die weitere Story ist
bekannt. Der einleitende Pass zum 1:0-Siegtreffer im Freundschaftsspiel in
Mannheim, zwei Bundesligabegegnungen in der Startelf, „ein Sonderlob“ von
Hütter nach dem 3:1 in Mainz, dort auch ein Assist und Bedauern des Cheftrainers
wegen Maluzes Verletzung vor dem Duell mit Freiburg: „Jerry Maluze hätte
wahrscheinlich sein drittes Spiel gemacht …“
Warum
überhaupt Ü20-Jungs wie Maluze oder Etse, die in deren Fall in
Nordrhein-Westfalen groß wurden, den Weg an den Main finden, schildert
Alexander Richter im Vodcast „Eintracht vom Main“. Der Leiter des
Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt führt bezüglich der
U21-Kadergestaltung einerseits aus: „Der erste Blick geht immer nach innen. Das
ist für uns ein klares Prinzip. Wir haben Woche für Woche Kaderplanungstermine.
So entscheiden wir, wer aus dem eigenen Be reich in die U21 kommt.“ Sind
Planstellen offen, komme das Scouting ins Spiel. Richter zählt
positionsunabhängige Anforderungen wie Technik und Tempo auf, aber auch „die
Persönlichkeit, die Mentalität, bei uns Fußball spielen zu wollen. Jungs, die
sich freuen, hier zu sein, und dafür brennen, hier zu spielen, um den nächsten
Schritt zu gehen. Möglicherweise in die Zweite Liga oder vielleicht bei uns.
Stichwort Jeremiaha Maluze.“
Dass
der gebürtige Duisburger genau einer dieser Charaktere ist, lässt allein der
Umstand vermuten, dass er freiwillig aus der Vierten in die Fünfte Liga
wechselte. „Ich sage immer: Ein Schritt nach hinten, der mich hoffentlich zwei,
drei Schritte nach vorne bringt. Manchmal gibt es solche Fälle und ich hoffe,
dass ich einer davon werde“, begründete Maluze Ende Juli seinen Schlenker über
die Hessenliga.
Bei
Scheller ist die emotionale Komponente quasi naturgegeben. Seit Kindheitstagen
bis heute steht er, wenn es der Spielplan zulässt, bei Heimspielen in der
Kurve, machte auch 2025 Teile der Sommervorbereitung mit, als weitere Begabte
wie Marvin Dills, Christian Prenaj und Nilo Neuendorff sich zeigen durften.
Als
er vor über acht Jahren am Riederwald unterkam, war die zweite Mannschaft
abgemeldet. Der Juniorennationalspieler findet es „super, dass die U21
reaktiviert wurde. Denn der Schritt aus der U19 direkt zu den Profis ist sehr
schwer“. Gerade bei einem Inventar der Bundesliga. „Das ist bei Eintracht Frank
furt schwieriger als bei einem Zweit- oder Drittligisten“, weiß auch Richter, der
überzeugt ist, von der D-Jugend über die C-, B- und A-Junioren ein gesundes
Fundament gelegt zu haben – mit Jungs aus Stadt und Region, die die meiste Zeit
ihrer Ausbildung in der Mainmetropole verbracht haben. Jungs wie Scheller,
Bekir Is oder auch Derek Boakye Osei, die allesamt seit 2018 den Adler auf der
Brust tragen und regelmäßig im Stadtwald vorspielen dürfen. Seit dieser Saison
vor Assistenzcoach Alex Meier, der Scheller in der U16 und U19 trainierte. „Wir
verstehen uns sehr gut“, so Scheller. Der Flug mit dem Profiteam nach Madrid,
wo die einen in der Champions League und die anderen in der Youth League gegen
Atlético antraten, wirkt rückblickend wie ein kleiner Vorbote.
Auch
Trainer, die nicht im Rampenlicht stehen, haben es den Nachwuchskräften
angetan. Ralph Gunesch, Dennis Merten, Arber Mustafa stellt Maluze heraus, wenn
es darum ging, „mit einem jede Woche viel individuell“ zu arbeiten – „wirklich
wöchentlich!“ Bei der U19 füllten einen vergleichbaren Part 2025/26 Ervin Skela
und Ivan Stoyanov aus.
Die
harte Arbeit und gezielte Förderung haben sich ausgezahlt und stoßen im
ProfiCamp auf großes Interesse. Timmo Hardung etwa untermauerte am Rande des
Trainingslagers: „Wir wollen unsere NLZ-Spieler näher ranführen an die
Profimannschaft. Das bedarf eben Arbeit. In allererster Linie von den Spielern
selbst, die sich entwickeln, an sich arbeiten, die auch mal ein hartes,
ehrliches Feedback einstecken und in etwas Positives umwandeln müssen. Aber du
musst ihnen auch hin und wieder eine Möglichkeit geben, sich zu zeigen und auf
einem anderen Level zu beweisen und zu messen. Dafür ist das Profitraining
ideal und wir sind sehr froh drum, dass wir diese Möglichkeiten schaffen
können.“
Entscheidender
Zusatz des Sportdirektors: „Trotzdem ist es kein Geschenk von uns oder Adi,
sondern sie haben sich das schon verdient und erarbeitet über einen längeren
Zeitraum hinweg.“
Zwar
sei die Erfüllung des großen Traums „nicht immer trivial“, so Hardung, aber
dass Praxis manchmal jeder Theorie vorauseilt, hat eben ein Maluze bewiesen.
Der wartet sogleich mit einer Anekdote auf, die ihm als Neuling offenbar zu
denken gegeben hat: „Ich hatte mal einen Moment im Training, als ich neben Hugo
Ekitiké Richtung Ball gerannt bin. Er hat mich drei Meter vorher mit dem Körper
weggedrückt. Ich war gar nicht bereit. Da dachte ich: Okay, hier geht es echt
zur Sache. Ich muss jeden Moment aufpassen, überall kann etwas passieren.“
Passiert
ist bekanntlich so einiges. Und einiges soll noch folgen. „Zwei, drei, vier
können es Jahr für Jahr schaffen, in den Profibereich durchzubrechen“, ist
NLZ-Chef Richter überzeugt. Ob über die von Maluze treffend als „Pufferzone“
bezeichnete U21, Leihen in Liga zwei und drei wie bei Fousseny Doumbia und
Alexander Staff gehandhabt oder vielleicht ein weiterer unergründeter Pfad.
Speziell für geborene Jungadler wie Scheller würde sich mit dem Debüt im
Deutsche Bank Park ein sprichwörtlicher Kindheitstraum erfüllen. Daraus macht
der Youngster keinen Hehl: „Ich kenne das Stadion, die Fans, vor allem von den
Rängen. Ich mache selbst Stimmung. Von unten ist das sicher nochmal anders.“
Aus der Kurve vor die Kurve. Das wäre doch was.
Etse
unterzeichnet Profivertrag
Der
20-jährige Verteidiger Julian Etse ist seit Anfang September mit einem
Lizenzspielervertrag ausgestattet. Etse wechselte im Sommer 2025 vom damaligen
Drittligisten SSV Ulm 1846 an den Main, nach vier Einsätzen im ersten
Saisonhalbjahr in Ulm folgte im Winter die Leihe zum TSV Steinbach Haiger in
die Regionalliga Südwest. Bei den Mittelhessen entwickelte sich der 1,92 Meter
große Abwehrspieler schnell zum Stammspieler. In der laufenden Saison kam der
Deutsch-Ghanaer bislang in der U21 der Eintracht in der Regionalliga Südwest
zum Einsatz (teilweise als Kapitän, Siegtor gegen Steinbach direkt vor der
Länderspielpause), zu dem nahm er am Trainingslager der Profimannschaft in
Grassau teil.
Maluze
verlängert
Jeremiaha
Maluze hat Ende August seinen Vertrag bei der Eintracht bis 2031 verlängert.
Der Innenverteidiger spielt aktuell in seiner zweiten Saison am Main und kam
vor der Länderspielpause zu seinen ersten Einsätzen bei den Profis. Seine
ersten Schritte im Männerbereich ging Maluze in der Saison 2023/24 für den SV
Straelen und den Mühlheimer FC jeweils in der Oberliga Niederrhein. Es folgte
der Wechsel für ein Jahr zum Nordost-Regionalligisten FC Rot-Weiß Erfurt, bei
dem er Leistungsträger und Stammkraft wurde, ehe er im Sommer 2025 an den Main
wechselte und der U21 zum Aufstieg aus der Hessenliga verhalf.