Ein Stück Schweden am Main
Rebecka Blomqvist (28) und Amanda Ilestedt (33) sind erfahrene Fußballspielerinnen, die viele Gemeinsamkeiten haben. Sie sind bereits in der Champions League aufgelaufen, haben mit ihren Vereinen Titel gewonnen und mit der Nationalmannschaft Erfolge gefeiert. Dies auch zusammen, denn mit der schwedischen Auswahl haben sie bei den Olympischen Spielen 2020 die Silbermedaille und bei der WM 2023 Bronze gewonnen. Seit vergangenem Sommer ist das Duo nicht nur in der Nationalmannschaft vereint, sondern auch bei Eintracht Frankfurt. EintrachtTV und die „Eintracht vom Main“ haben Blomqvist und Ilestedt nach dem Training kürzlich für einige Stunden begleitet und dabei über ihre Freundschaft, Heimweh nach Schweden, die kulinarischen Vorlieben und sportliche wie private Rückschläge gesprochen.
Interview: Marc Hindelang
Reportage: Theresa Hörter
Fotos: Manuel Bahmer
Im Herzen von Europa beginnt der Dreh mit EintrachtTV an diesem Nachmittag. Frankfurter Stadtwald, vor der Wintersporthalle. Hier sind die Kabinen der Eintracht Frauen untergebracht, hier ist Niko Arnautis mit seiner Mannschaft zu Hause. Rebecka Blomqvist und Amanda Ilestedt sind ins Auto gestiegen, machen sich auf den Weg in Richtung Innenstadt. Ziel ist die Kleinmarkthalle – ein Ort, der wie kaum ein anderer für Frankfurter Lebensgefühl steht. Blomqvist übernimmt am Steuer, Ilestedt nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Während draußen die Skyline vorbeizieht, sprechen die beiden Schwedinnen über das Ankommen in einer neuen Stadt, die Unterschiede zu früheren Stationen und das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Man merkt schnell: Frankfurt ist für beide längst mehr als nur ein neuer Arbeitsplatz.
Wie seid Ihr hier in Frankfurt angekommen, wie wohl fühlt Ihr Euch?
Rebecka Blomqvist: Ich fühle mich sehr gut. Natürlich ist Frankfurt anders als Wolfsburg, vor allem was die Stadt angeht. Aber ich fühle mich sehr, sehr wohl und bin glücklich hier. Ich wurde super in der Mannschaft aufgenommen und auch privat passt alles. Insgesamt bin ich einfach sehr zufrieden.
Amanda, für Dich ist Frankfurt eher eine Verkleinerung zu Deiner früheren Heimat London?
Amanda Ilestedt: Ja, das stimmt. Aber ich bin generell kein Großstadtmensch. Trotzdem fühle ich mich sehr gut hier. Die Mannschaft ist super, coole Mädels. Frankfurt ist eine tolle Stadt und bietet viele Möglichkeiten, zum Beispiel zum Shoppen.
Wie ist das Leben hier in Frankfurt im Vergleich zu Eurer Heimat?
Blomqvist: Ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt und habe dann fünf Jahre in Göteborg gelebt. Ich bin bisher nicht oft in der Stadt unterwegs, weil ich viel zu Hause bin. Aber wenn ich Besuch habe oder die Gelegenheit nutze, merke ich: Frankfurt ist schon anders – vor allem mit den Hochhäusern. Ich mag die Stadt, sie ist cool.
Ilestedt: Es gibt hier wirklich viele Möglichkeiten. Ich bin aber eher selten in der Stadt, weil wir viel unterwegs sind mit Spielen und Reisen und ich meine Familie habe. Am liebsten bin ich einfach zu Hause und verbringe Zeit mit meiner Tochter.
Mit einem Augenzwinkern: Sind die Spielplätze in Ordnung?
Ilestedt: Ich wohne etwas außerhalb von Frankfurt, dort gibt es viele gute Spielplätze. Meine Tochter ist jetzt eineinhalb Jahre alt, das passt sehr gut.
Ihr kommt beide aus Gegenden, die nah am Wasser liegen. Zieht es Euch hier auch an den Main?
Blomqvist: Es ist schon etwas anderes. Natürlich ist es schön, hier am Main zu sitzen, etwas zu trinken und die Zeit zu genießen. Aber das Gefühl vom Meer bekommt man hier nicht.
Ilestedt: Das ist definitiv etwas, das ich aus der Heimat vermisse.
Blomqvist: Ich merke auch, wie sehr ich es wertschätze, wenn ich dann wieder nach Hause komme. Ich war mit einer Freundin auf Santorini und es war sehr schön, aber wir haben beide realisiert, dass es das, was es dort gibt, auch in unserer Heimat gibt: Berge und Meer, beides haben wir auch. Es ist schön dort, wo wir herkommen.
Amanda, bist Du in London auch selbst Auto gefahren? Wie war das mit dem Linksverkehr?
Ilestedt: Man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Am Anfang war ich oft Beifahrerin, um den Fahrstil besser kennenzulernen. Zu Beginn war es wirklich schwierig.
In der Innenstadt angekommen, parkt Blomqvist das Auto im nahegelegenen Parkhaus. Gemeinsam laufen sie von dort zur Kleinmarkthalle. Für die beiden Schwedinnen ist es der erste Besuch an diesem traditionsreichen Ort, entsprechend groß ist die Neugier. Sie schlendern durch die Gänge, lassen die Atmosphäre auf sich wirken und schauen interessiert an den zahlreichen Ständen vorbei.
Schon die ersten Eindrücke begeistern die beiden. Besonders der Kaffeestand hat es ihnen angetan, sie sind große Kaffeeliebhaberinnen und sich einig: Das war definitiv nicht ihr letzter Besuch in der Kleinmarkthalle. „Wir kommen wieder“, rufen sie auch einem Standbetreiber zu. Beim Schlendern durch die Gänge sprechen sie über Marktkultur und darüber, wie selten vergleichbare Orte in Schweden sind. Blomqvist merkt an, dass es in Schweden generell nicht so viele Märkte gibt. Die Stürmerin vergleicht die Kleinmarkthalle mit der schwedischen Saluhall, einer Markthalle. Der Charme der Kleinmarkthalle ist die etwas in die Jahre gekommene Architektur und Einrichtung, das denkmalgeschützte, 1954 erbaute Gebäude ist durchaus renovierungsbedürftig. Im ver- gangenen Jahr haben Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten begonnen, um die Halle zukunftsfähig zu machen.
Auf dem Weg zum Metzger steht das Ziel fest: Rinderhack wird für das Abendessen benötigt. Doch davor bleibt noch Zeit zum Probieren. Vor allem der Honigstand sorgt für Begeisterung, mehrere Sorten werden verkostet und verglichen. Zum Abschluss zeigt EintrachtTV-Redakteur Marc Hindelang den beiden noch eine echte Frankfurter Spezialität: die berühmten sieben Kräuter, die für die Herstellung der Grünen Soße verwendet werden. Der Besuch hinterlässt Eindruck. Mit dem Hackfleisch in der Tasche geht es weiter zu Rebecka nach Hause.
Angekommen in Blomqvists Wohnung dauert es nicht lange, bis es an der Tür klingelt. Die bestellten Zutaten für das Abendessen stehen bereit. In der Küche zeigen Blomqvist und Ilestedt, wie gut sie auch abseits des Fußballplatzes harmonieren. Sie zeigen sich beim Kochen als eingespieltes Team. Auf dem Plan stehen original schwedische Köttbullar mit Kartoffeln und Preiselbeeren – ein Stück Heimat mitten in Frankfurt. Die Handgriffe sitzen, die Abläufe sind klar und zwischendurch bleibt Zeit für Gespräche und Lachen.
Wie lange kennt Ihr beiden Euch schon?
Ilestedt: Wir kennen uns aus der Nationalmannschaft, seit Rebecka 2019 das erste Mal dabei war.
Blomqvist: Wir haben natürlich beide auch andere enge Freundinnen in der Nationalmannschaft, aber durch unsere gemeinsame Zeit in Frankfurt kennen wir uns inzwischen sehr gut.
Vor allem im Profisport sind Freundschaften nicht selbstverständlich. Wie wichtig ist Euch das?
Blomqvist: Sehr wichtig. Natürlich haben wir beide unsere Familien und Freunde, mit denen wir sprechen. Aber wir erleben im Alltag viele ähnliche Situationen. Es ist viel wert, jemanden zu haben, der ähnlich denkt, die gleichen Werte hat. Das gibt Sicherheit.
Ilestedt: Dem kann ich nur zustimmen. Ich bin sehr froh, dass Rebecka hier ist. Wir können uns immer auf Schwedisch unterhalten und uns gegenseitig helfen. Einmal wusste ich nicht, wann wir Training hatten. Da habe ich einfach Rebecka angerufen und gefragt.
Was schätzt Ihr besonders aneinander?
Ilestedt: Rebecka ist immer positiv und glücklich. Sie strahlt und ist sehr ehrlich und offen. Das schätze ich sehr an ihr. Sie ist eine richtig gute Freundin.
Blomqvist: Das kann ich nur zurückgeben. Ich freue mich immer, wenn ich Amanda sehe. Ich mag ihre Ehrlichkeit und dass sie sagt, was sie denkt – als Freundin und als Teamkollegin. Und ihre Herzlichkeit und Tiefe finde ich sehr, sehr schön.
Schweden ist in vielen Sportarten stark. Wie seid Ihr zum Fußball gekommen?
Ilestedt: Ich habe zwei Brüder, wir haben viel Sport gemacht. Zuerst habe ich mit ihnen im Garten Fußball gespielt, später in einer Mädchenmannschaft. Ich habe auch andere Sportarten ausprobiert, wie Handball oder Eishockey.
Blomqvist: Bei mir war es ähnlich. Ich habe mit meinem Bruder gespielt, weil sie noch jemanden brauchten. Fußball war dann immer das, was ich machen wollte. Ich habe aber auch Handball, Gymnastik und Reiten ausprobiert.
Was ist der Sport, den Ihr am zweitbesten könnt?
Ilestedt: Handball.
Blomqvist: Bei mir auch. Ich bin außerdem bis zu meinem 14. Lebensjahr geritten. Pferde waren eine Leidenschaft, die meine Mutter und ich geteilt haben. Man weiß nie, was die Zukunft bringt.
Habt Ihr oft Heimweh?
Ilestedt: Zum Glück gibt es FaceTime. Ich rede jeden Tag mit meiner Familie. Ich wohne seit neun Jahren nicht mehr in Schweden und bin das gewohnt. Umso schöner ist es, dass mein Bruder jetzt in Freiburg Eishockey spielt [in der Deutschen Eishockey-Liga 2; Anm. d. Red.]. Wir können uns besuchen, ich schaue ihm zu und er mir – das ist etwas ganz Besonderes.
Amanda, Organisation ist mit Kind besonders wichtig. Wie schaffst Du das?
Ilestedt: Ohne meinen Mann hätte ich nicht weiterspielen können. Er übernimmt sehr viel Verantwortung. Es braucht mehr Planung, aber das ist auch schön. Wenn ich nach Hause komme und meine Tochter sehe, ist alles andere vergessen. Für sie bin ich einfach Mama – nicht Fußballerin.
Rebecka, Du hast in Deiner Vergangenheit schwierige Phasen erlebt. Was hilft Dir in solchen Momenten?
Blomqvist: Die Unterstützung meiner Familie und meiner engsten Freunde. Ich versuche, meine Emotionen zuzulassen und mich auf Dinge zu konzentrieren, die ich selbst beeinflussen kann. Es darf hart sein, aber das Leben geht weiter. Dieses Mindset hilft mir sehr. Am Ende bin ich ein Mensch – nicht nur Fußballerin.
Rebecka Blomqvist hat vor wenigen Jahren den Krebs besiegt, darüber hat sie im vergangenen Oktober anlässlich des „Pinktober“, der weltweit auf Brustkrebsaufklärung und Früherkennung aufmerksam macht, ausführlich im Eintracht-Vodcast gesprochen. 2019 bemerkte sie erste Symptome, zögerte jedoch, bevor sie zum Arzt ging. Die Diagnose: Eierstockkrebs. „Darauf kann man sich nicht vorbereiten“, sagte sie. „Es ist keine Verletzung – es ist etwas, das man nicht greifen kann.“ Der Tumor konnte vollständig entfernt werden, heute gilt sie als krebsfrei. Doch das Thema bleibt präsent. „Ich freue mich auch nicht auf die Untersuchung, aber ich gehe jetzt regelmäßig, alle sechs Monate, manchmal auch häufiger. Ich möchte keine schlechten Nachrichten, aber im Grunde kann man nur gewinnen. Wenn man sich Sorgen macht, sollte man hingehen. Und wenn nichts ist – umso besser, dann kann man das Leben genießen“, betonte die Stürmerin.
Zurück in Rebecka Blomqvists Wohnung, wo die finalen Amtshandlungen beim Kochen anstehen.
Macht Ihr Köttbullar oft selbst?
Blomqvist: Wenn es bei uns Köttbullar gibt, macht meine Mama die meistens selbst. Umso schöner ist es, das jetzt gemeinsam mit Amanda zu machen.
Habt Ihr in Eurer Ernährung einen festen Plan?
Ilestedt: Ich bin schon lange im Profisport und weiß, was mir guttut und was eher nicht. Ich schreibe keinen festen Plan. Meine Tochter möchte mittlerweile auch das essen, was ich esse – und das klappt bisher ganz gut.
Nachdem die Kartoffeln gar sind und die zuvor in der Pfanne angebratenen Köttbullar aus dem Backofen kommen, ist das Essen servierbereit. Offen bleibt nur noch die Frage, wer den Tisch deckt. In einem kleinen Spiel nennt Marc Hindelang deutsche Wörter, die Blomqvist und Ilestedt so schnell wie möglich ins Schwedische übersetzen müssen. Die Schnellere ist vom Tischdecken befreit. Es entwickelt sich ein enges Duell, das Ilestedt schließlich für sich entscheidet. Blomqvist übernimmt sportlich den Job, ehe sie sich das Abendessen schmecken lassen. Die Köttbullar mit Soße, Kartoffeln, Preiselbeeren und frischer Petersilie schmecken allen hervorragend. Ein abwechslungsreicher und kulinarischer Tag neigt sich dem Ende zu – mit dem Gefühl, dass sich ein Stück Schweden inzwischen ganz gut am Main eingelebt hat.