„Zum ersten Camp wollte keiner hin“
Aus einer kühnen Idee ist mittlerweile ein Erfolgsmodell geworden. 2001 gründet sich bei Eintracht Frankfurt die Fußballschule. 25 Jahre danach spricht ein Quartett der ersten Stunde – Claudia Bosnjak, Karl-Heinz Körbel, Ralf Weber und Thomas Zampach – über den steinigen Weg zum ersten Camp, eine ganz besondere Rolle während des drohenden Lizenzentzugs und Suchaktionen am Frankfurter Flughafen, dazu gibt’s auch einen Blick voraus.
Interview: Michael Wiener
Fotos: Philipp Dibelka
Die Gesprächspartner
Claudia Bosnjak (50): Gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau. Seit 2001 bei der Eintracht, heute im Back-Office der Fußballschule und der Traditionsmannschaft tätig.
Karl-Heinz Körbel (71): Bundesligarekordspieler (602 Spiele), Leiter der Fußballschule und der Traditionsmannschaft seit deren Gründungen 2001 respektive 2007.
Ralf Weber (56): Eintracht-Spieler von 1989 bis 2001. Bis 2014 im Scoutingteam. Heute Trainer bei der Fußballschule und Spieler der Traditionsmannschaft.
Thomas Zampach (56): Eintracht-Spieler von 1997 bis 2002. Später unter anderem Fankoordinator, noch heute folgt er gerne Einladungen von Fanclubs. Heute Trainer bei Fußballfans im Training (FFIT) und der Fußballschule sowie Spieler der Traditionsmannschaft.
Die Kollegen der Fußballschule haben kräftig im Archiv gewühlt. Bilder, Zeitungsausschnitte, Hefte, Urkunden, Ablaufpläne, Sponsorenlisten und vieles mehr liegen auf dem Tisch. Claudia Bosnjak, Karl-Heinz Körbel, Ralf Weber und Thomas Zampach sind sofort im Thema drin – kein Wunder, denn alle sind seit mindestens 25 Jahren mit Eintracht Frankfurt verbunden (siehe Kasten). Die Schnittstelle zur Traditionsmannschaft ist auch nicht weit, denn Körbel leitet diese ebenso seit der Gründung. Das Quartett teilt viele gemeinsame Erlebnisse, die beim Anblick der Utensilien auf dem Tisch schnell wieder hochkommen. Tradispiele beim Frankfurter Festhallen-Reitturnier, Ausflüge mit Fußballschülern auf das Rollfeld am Frankfurter Flughafen, Gläser Nutella für jeden Campbesucher, Mittagessen in der Licher Lounge, Teilnahme am größten Frühstück der Welt auf Schalke und vieles mehr – die Anekdoten gehen nicht aus. In den drei Stunden im Café Wessinger in Neu-Isenburg, wo Eintrachtler und Fußballer seit vielen Generationen regelmäßig zu Gast sind (Körbel: „Das war unser Teamhotel zu meiner Zeit in der Jugendnationalmannschaft“), gehen die Themen nicht aus; auch über das aktuelle sportliche Geschehen wird am Tag nach der Vorstellungspressekonferenz mit dem neuen Cheftrainer Albert Riera philosophiert. Die Zusammenfassung hier konzentriert sich auf 25 Jahre Fußballschule und die Erinnerungen an eine Zeit, in der Bosnjak (früher Fuchs) noch jede Meldebestätigung, eigenhändig geschrieben, per Post verschickte und die Teilnahmegebühr in bar einsammelte.
Karl-Heinz, Du bist seit 25 Jahren Leiter der Fußballschule. Wie blickst Du auf dieses Jubiläum?
Karl-Heinz Körbel: Natürlich mit Stolz. Wir haben ganz klein angefangen, sind für das erste Camp zunächst die Plätze gar nicht losgeworden. Das ist mit heute, wo wir rund 3.500 Kinder im Jahr haben und es für jedes Camp eine Warteliste gibt, nicht mehr zu vergleichen.
Thomas Zampach: Ich erinnere mich gut daran. Wir haben das erste Camp in unserem Stadionheft beworben, aber es wollte keiner kommen. Dann haben wir über die BILD-Zeitung Plätze verlost mit der Bedingung, dass wir die Adressen von denjenigen erhalten, die nicht ausgelost wurden, damit wir denen den Campplatz verkaufen können.
Wie ist die Idee zur Fußballschule entstanden?
Claudia Bosnjak: Ich habe im Frühjahr 2001 bei der Eintracht angefangen, die Büroräume waren damals auf einem langgezogenen Flur in einem Gebäude im Grüneburgweg [Frankfurter Innenstadt; Anm. d. Red.]. Ich wurde als Sportliche Assistentin vom damaligen Sportdirektor Rolf Dohmen eingestellt und habe mir zunächst das Büro mit Karl-Heinz Körbel geteilt. Er war Chefscout, ich habe für ihn und Rainer Falkenhain Hotels und Reisen organisiert. So habe ich hautnah mitbekommen, wie die Fußballschule gegründet wurde.
Zampach: Ich war damals Fankoordinator und mit der Fußballschule von Dieter Burdenski [ehemaliger Bundesligatorhüter von Werder Bremen; Anm. d. Red.] unterwegs. Als ich zurückkam, saßen Karl-Heinz und Claudia mit Hansi Steinle [heute Torhüter der Eintracht-Tradi; Anm. d. Red.] im Büro und ich habe gefragt: Warum machen wir keine Camps? Hansi, der damals bei Fila arbeitete, hat sofort seine Unterstützung angeboten.
Körbel: Hansi kannte ich, weil ich mit ihm meinen ersten Ausrüstervertrag abgeschlossen habe, als ich noch Trainer war. Mit der Idee der Fußballschule bin ich zunächst beim damaligen Sportvorstand Tony Woodcock abgeblitzt, er hielt davon nicht viel. Ich habe ihm erklärt, warum ich das für eine gute Sache halte.
Zampach: Es diente auch dazu, dass Image der Eintracht aufzupolieren. Wir waren im Abstiegskampf, wir hatten nicht immer einen guten Ruf.
Körbel: Am Ende hat sich Tony überzeugen und mich machen lassen. Die Jungs, die mit mir im Scouting gearbeitet haben, waren natürlich auch in der Fußballschule dabei.
Ralf Weber: Damals haben gefühlt eine Handvoll Leute bei der AG gearbeitet.
Körbel: Jeder musste alles können zu dieser Zeit.
Weber: Jeder musste alles machen. Das trifft es eher (lacht). Ich habe 2001 meinen Vertrag wegen Sportinvalidität aufgelöst und habe ein von der Berufsgenossenschaft unterstütztes Praktikum bei der Eintracht absolviert, dabei in alle Abteilungen reingeschnuppert.
Zampach: Die Fußballschule hat Dich aufgefangen! (lacht)
Weber: So ungefähr. Ich habe Spielbeobachtungen gemacht und war letztlich bis 2014 in dieser Funktion bei der Eintracht. Wie sind die Erinnerungen an das allererste Camp beziehungsweise die Anfangszeit 2001, 2002?
Zampach: Wir haben auf dem Stadiongelände trainiert, das Motto war „Trainieren wie die Profis neben den Profis“.
Körbel: Wir haben alles selbst organisiert und uns um die Finanzierung gekümmert. Ich weiß noch, wie ich vor dem ersten Camp von einem Geschäftsmann zum Golfturnier nach Bad Homburg geschickt wurde. Er sagte zu mir: „Geh dahin und sprich mit den Leuten.“ Ich bin also beispielsweise zum Hassia-Chef: „Hallo, ich bin Karl-Heinz Körbel. Wir organisieren die Eintracht Frankfurt Fußballschule. Wir brauchen Wasser.“ (lacht)
„Die Fussballschule diente auch dazu, das Image der Eintracht aufzupolieren. Wir waren im Abstiegskampf, wir hatten nicht immer einen guten Ruf.“
Thomas Zampach
Zampach: Das Catering hat Paolo Schiavano übernommen. Er hatte seinen Sohn angemeldet und da haben wir ihn gefragt, ob er sich um das Mittagessen kümmern kann. Er hatte zu dieser Zeit eine Pizzeria in Neu-Isenburg, bei der auch die Eintracht-Spieler immer zu Gast waren.
Bosnjak: Wir hatten damals wie heute vier Gruppen, nur damals haben die Gruppen rotiert. Heute gibt es feste Gruppen. Manchmal haben wir vor Ort noch Teilnehmer angenommen, die dann in bar bezahlt haben. Für die Voranmelder hatte ich die Kontoauszüge für Jörg Jost [noch heute in der Buchhaltung beschäftigt; Anm. d. Red.] ausgedruckt und er hat den Geldeingang gecheckt. Was für ein Aufwand im Vergleich zu heute!
Weber: Am Stadion waren es manchmal weite Wege. Wir haben uns auch mal am Tennisstadion, wo heute das ProfiCamp steht, umgezogen und sind dann zum Platz vorgelaufen. Wir haben zweimal am Tag trainiert, von Montag bis Freitag. Einige Eltern haben im Sommer ihre Kinder für sechs Wochen angemeldet, sie haben das eher als Ferienbetreuung gesehen. Im Jahrhundertsommer 2003 war ich die komplette Zeit dabei, da haben wir die Mittagspause im Stadionbad verbracht. Nach den sechs Wochen war ich komplett durch und bin erstmal mit meinen Kumpels nach Kroatien gefahren. Erstmals mit dem Camper.
Zampach: Highlight war immer das Elternspiel. Das ist entstanden, als ein Vater immer gerufen hat, dass man seinen Sohn anspielen solle. Er war wohl etwas übermotiviert. Dann dachten wir, dass wir Trainer mal gegen die Eltern spielen sollten. Wir haben den Kerl dreimal getunnelt, dann ist er angeblich verletzt raus.
Weber: Dann hast du hinterhergerufen: So gut bist du auch nicht! (lacht)
Körbel: Da hatten wir plötzlich den Trend, dass die Eltern ihre Kinder angemeldet haben, damit sie gegen uns spielen können.
Zampach: Absolut. Ich habe mal ein Kind gefragt: Warum bist Du angemeldet? Antwort: Weil mein Vater am Freitag gegen Norbert Nachtweih spielen will.
Trotz des Stotterstarts ging’s dann richtig los mit der Fußballschule.
Bosnjak: Ende 2002 haben wir unser Einjähriges mit einer prominent besetzten Talkrunde gefeiert [Bosnjak holt das Programm raus; Anm. d. Red.]. Wir haben all unsere damaligen Partner integriert. 2003 hat’s geknallt! Wir sind mit On-Tour- Camps gestartet, das erste Spieltagscamp war im März, wir haben Einlaufkinder gestellt. Zum letzten Saisonspiel haben wir gemeinsam mit Fraport und Continental 500 Kids und Eltern eingeladen und sind in der Halbzeit auf dem Rasen gewesen, haben eine Runde gedreht. Heute unvorstellbar!
Zampach: Das hat die Magie auf den Platz gebracht, dass die Mannschaft das Spiel gedreht hat! [Die Eintracht stieg durch das furiose 6:3 gegen Reutlingen sensationell in die Bundesliga auf; Anm. d. Red.].
Bosnjak: Ich hatte wie erwähnt auch andere Aufgaben. Die Anrufe zum Thema Fußballschule haben irgendwann überhandgenommen, da haben wir eine Fußballschulen-Sprechzeit dienstags von 9 bis 16 Uhr eingeführt.
Weber: Es gab auch viele kuriose Erlebnisse. Eine Zeit lang sind wir jeden Mittwoch am Frankfurter Flughafen gewesen, haben bei einem unserer Partner zu Mittag gegessen. Einmal haben wir 20 Minuten ein Kind gesucht, das sich versteckt hatte. Dafür hätten wir ein anderes fast mitgenommen. Es hat ein Eintracht-Trikot getragen, hatte aber mit der Fußballschule gar nichts zu tun.
Welche Rolle hat die Fußballschule im Jahr 2002 gespielt, als im Sommer der Lizenzentzug nur mit viel Kraft abgewendet werden konnte?
Körbel: Das war für den ganzen Verein eine sehr harte Zeit. Die Kinder haben die Anmeldegebühr bezahlt, wir hatten sie aber nicht mehr auf dem Konto und konnten beispielsweise die Ausrüstung bei Hansi nicht bezahlen. Eintracht Frankfurt war am Abgrund. Dass wir da rausgekommen sind, dazu haben wir mit der Fußballschule beigetragen.
Inwiefern?
Bosnjak: Wir haben gesagt: Egal, was kommt, wir ziehen die Camps durch. Wir hatten Notfallpläne mit Continental und der Fraport.
Körbel: Wir haben uns damals in der Wintersporthalle umgezogen und gegessen. Wir wussten, wann beim DFB die Entscheidungsträger mittags am Tisch sitzen. Wir haben dann unser Essen zum DFB verlegt und sind mit 40 Kids an ihnen vorbeigelaufen. Da habe ich rübergerufen: Guckt mal, das wollt ihr alles kaputtgehen lassen? Am zweiten Tag wieder, am dritten Tag wieder. Irgendwann kamen sie nicht mehr. Die Gehirnwäsche hat funktioniert.
2004 wurde das erste Inklusionscamp mit Special Olympics durchgeführt. Viele weitere besondere Camps sind seither ausgerichtet worden, eine detaillierte Aufzählung würde sicherlich den Rahmen hier sprengen. Blicken wir also in die Zukunft. Wie geht es weiter mit der Fußballschule, was sind Eure Wünsche zum „Geburtstag“?
Weber: Ich war wegen einer Schulteroperation lange raus, das hat sehr viel Zeit gekostet. Aber wenn ich keine Verbindung mehr hätte, wäre ich heute nicht hier. Die Verbindung zur Eintracht, zur Fußballschule und zur Traditionsmannschaft ist immer eng. Ich freue mich immer, die Jungs zu sehen, und bin gerne auch in Zukunft dabei.
Zampach: Dem kann ich mich nur anschließen. Diese Stunden hier waren schön, mit euch mal wieder in die Vergangenheit abgetaucht zu sein. Wir können stolz sein, was wir mit den wenigen Mitteln, die wir hatten, aber mit viel Herzblut und Liebe für die Eintracht Frankfurt Fußballschule geleistet haben. Mit „Eintracht in der Region“ haben wir in den vergangenen Jahren die Fußballschule und die Traditionsmannschaft auf eine neue Ebene gehoben, wir freuen uns hierauf die fünfte Saison und damit das zweite, etwas kleinere Jubiläum bei uns in diesem Jahr. Wir haben uns immer weiterentwickelt und werden das auch weiterhin tun.
Bosnjak: Ein Beispiel noch dazu: Früher haben wir die Größen nach Augenmaß verteilt, hatten ein kleines Paket an Ausstattung. Heute ist alles am ersten Tag top vorbereitet, wir haben ein großes Lager, rund 3.500 Kinder gilt es pro Jahr zu versorgen. Wir machen weiter und werden unseren Prinzipien treu bleiben. Nicht zu große Gruppen, damit die Trainer die Inhalte noch gut vermitteln und auf jedes Kind eingehen können. Dazu immer ehemalige Profis als Trainer, wie schon vom ersten Tag an. Bei den ersten Camps waren unter anderem Ralf Falkenmayer, Helmut Müller, Zampe und Webi dabei, später kamen zum Beispiel Cezary Tobollik und Norbert Nachtweih dazu. Heute sieht das nicht anders aus mit Alexander Conrad, Manfred Binz, Uwe Bindewald, Rudi Bommer und vielen mehr. Und natürlich Karl-Heinz Körbel, der auch bei jedem On-Tour-Camp mindestens an einem Tag vor Ort ist.
„Wir haben viele Kinder auf der Warteliste. Das ist eine Verführung, aber wir wollen keine Massenproduktion.“
Karl-Heinz Körbel
Körbel: Diese Nähe und diese Prinzipien sind und bleiben unser Erfolgsrezept und sorgen dafür, dass wir das Niveau hochhalten. Wir haben viele Kinder auf der Warteliste. Das ist eine Verführung, aber wir wollen keine Massenproduktion. Jedes Kind hat eine Beziehung zu Eintracht Frankfurt, das ist ein wichtiger Baustein. Mit der Fußballschule sind wir ein wichtiger Bestandteil von Eintracht Frankfurt, das macht uns stolz. Daher freuen wir uns auch jetzt wieder auf ein Jahr voller Camps und vieler toller Begegnungen, insbesondere bei „Eintracht in der Region“. Denn hier werden wir wieder in Orten sein, wo wir noch nie waren und unsere Leidenschaft für die Eintracht einerseits dorthin tragen und andererseits die Begeisterung der Menschen dort für die Eintracht aufsaugen. Diese Eintracht-Tage sind Familienfeste und daran hat die Fußballschule ihren Anteil.