„Bin heute noch ganz gerührt“
Er war Spieler und Trainer bei der Eintracht, hatte seine Anteile am UEFA-Pokalsieg 1980 und am Aufstieg 1998. Berühmt machte ihn aber ein Gartenstuhl. Horst Ehrmantraut feierte am 11. Dezember seinen 70. Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt für die Rubrik „Was macht eigentlich?“. Über Vorstellungsgespräche mit 20 Leuten, Hilfe von Bruno Pezzey und sein Hobby Landwirtschaft.
Wenn sich Horst Ehrmantraut an seine Zeit bei der Eintracht erinnert, merkt man ihm an, dass er sentimental wird: „Ich werde den Fans der Eintracht nie vergessen, wie sie mich gepusht haben und wie sie immer positiv mit mir umgegangen sind. Diese Unterstützung gab es auch nach meiner Entlassung 1998. Das war für mich sehr schön und wenn ich an die Verbundenheit denke, bin ich heute noch ganz gerührt.“
Die Eintracht hatte er in schwierigen Zeiten als Trainer übernommen und den Erfolg zurückgebracht an den Main. Durch die Wahl seines Trainerstuhls setzte er ein Zeichen für Bescheidenheit und Demut – ein damals ganz neuer Stil in Frankfurt. „Als ich Trainer wurde, wollte eine große Frankfurter Bank mir einen Ledersessel als Trainerstuhl zur Verfügung stellen. Das hat aber zu meinem Arbeitsansatz gar nicht gepasst, ich wollte den Spielern Vorbild sein. So habe ich Rainer Falkenhain gebeten, den Stuhl in einem Baumarkt zu kaufen. Dass mein Trainerstuhl heute im Museum ausgestellt ist, freut mich sehr.“
Als Bundesligaabsteiger geriet die Eintracht im Herbst 1996 auch in der Zweiten Liga in Abstiegsgefahr. Kulttrainer Dragoslav Stepanovic musste gehen und Horst Ehrmantraut, der als Trainer des SV Meppen in der zweiten Liga große Erfolg gefeiert hatte, war der Wunschnachfolger. „Ich war total aufgeregt. Frankfurt war ein Knotenpunkt, Meppen eher Provinz. Aber ich hatte in Meppen erfolgreich gearbeitet und das hat sich rumgesprochen. Also bin ich mit meinem alten BMW nach Frankfurt gefahren. In Frankfurt saßen mir beim ‚Vorstellungsgespräch‘ 20 Leute gegenüber. Alle hatten Fragen. Ich habe die alle möglichst kurz und knapp beantwortet. Irgendwann hat Schatzmeister Patella gesagt: ‚Wir reden jetzt über den Vertrag‘. Das Geld war mir in dem Moment total egal, ich wollte bei dem großen Verein Eintracht Frankfurt arbeiten. Ich hatte so eine Lust, mit der Truppe aus der Misere herauszukommen. Das hat geklappt.“
„Mein Vater war Landwirt und ich betreibe die Landwirtschaft heute als Hobby. Ich bewirtschafte rund 20 Hektar.“
Dass für die Eintracht im Spätherbst 1996 nicht nur fachliche Überlegungen den Ausschlag gaben, räumt Ehrmantraut ein. „Ganz ehrlich: Die Eintracht hatte kein Geld – und ich war nicht so teuer. Ich habe in der Folgezeit meine Fühler ausgestreckt und Spieler verpflichtet, die ebenfalls günstig zu kriegen waren. Thomas Epp, Thomas Zampach, Alexander Kutschera und Ansgar Brinkmann waren Führungsspieler, die bei ihren bisherigen Vereinen nicht zum Zug kamen. Bei der Eintracht wurden sie zu Leistungsträgern und bildeten das Fundament für unseren Erfolg.“ Zum Staff gehörten damals übrigens ein Co-Trainer, ein Torwarttrainer, der nur zeitweise zur Verfügung stand, und ein Spielbeobachter – das war‘s.
In der Rückrunde der Saison 1996/97 kletterte die Eintracht von Tabellenplatz 15 auf sieben, zeitweise schielte die Truppe auf den direkten Wiederaufstieg. Der funktionierte nicht, doch 1998 hieß es „Frankfurt is coming home“. Nach einem 2:2 gegen den 1. FSV Mainz 05 war die Eintracht aufgestiegen. Horst Ehrmantraut wurde zum Vater des großen Erfolgs, aber er bekam schnell auch die Härte des Fußballgeschäfts zu spüren. Im Dezember 1998 wurde er von der Eintracht entlassen. „Das ist bis heute für mich eine schlimme Erinnerung. Aber gleichzeitig kommt mir in den Sinn, wie mich die Fans weiterhin unterstützt und aufgebaut haben. Ich habe Präsident Rolf Heller einige Jahre später wieder getroffen. Da hat er mir gesagt, dass die Entlassung einer seiner ganz großen Fehler war.“
Nach seiner Zeit bei der Eintracht arbeitet „Hotte“ noch für Hannover 96 und den 1. FC Saarbrücken, 2005 beendete er seine Trainerkarriere. „Ich wollte eine Pause machen. Da habe ich erstmal gemerkt, was Menschsein heißt. Und dass mir eine Pause guttut. Ich fahre heute noch manchmal zu Spielen und schaue Fußball im TV. Nach 2005 ist für mich einfach eine neue Zeit.“
Als aktiver Spieler bei der Eintracht gewann Horst Ehrmantraut 1980 den UEFA-Cup. „Ich war als junger Kerl beim FC Homburg. Dann hat die Eintracht angeklopft und eine Ablöse für mich gezahlt. So bin ich 1979 an den Riederwald gekommen. Wir sind ins Trainingslager ins Allgäu, dabei waren alle großen Eintracht-Spieler: Charly Körbel, Bruno Pezzey, Grabi, Nickel, Holz. Natürlich habe ich zu denen hochgeschaut. Aber ich habe mir gedacht, ‚das packst du, du kannst dich hier durchsetzen‘. Zunächst haben die Mitspieler mich aber nicht beachtet. Damals war ich der einsamste Mensch auf dem Erdball und total niedergeschlagen. Aber Bruno Pezzey hat mir sehr geholfen, er hat mich immer wieder aufgebaut. Auch zu Saisonbeginn habe ich trainiert und tolle Leistungen gezeigt, trotzdem hat mich Friedel Rausch nicht beachtet. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich durchgesetzt habe. In der Vorrunde habe ich kein Spiel gemacht, in der Rückrunde dann alle. Und mit der Eintracht den UEFA-Pokal gewonnen.“
Was macht ein Europapokalsieger und Aufstiegstrainer mit 70? Horst Ehrmantraut ist weiter aktiv, auch ohne Fußball. „Ich merke, dass der Körper nachlässt. Man kann es nicht leugnen, man merkt das Alter und muss das zulassen. Bis vor fünf Jahren war ich zwei-, dreimal die Woche joggen und Tennisspielen. Das geht heute so nicht mehr. Aber ich bin sonst sehr aktiv, vor unserem Telefonat habe ich den ganzen Morgen Holz gehackt. Mein Vater war Landwirt und ich betreibe die Landwirtschaft heute als Hobby. Ich bewirtschafte rund 20 Hektar. Das ist nich viel, aber man hat genug zu tun. Ich habe die alten Maschinen von meinem Vater und es ist sehr schön, mit dem Traktor im Frühjahr und Herbst auf den Acker zu fahren. Die Lerchen sind immer über dir und begleiten dich.“
Und die Eintracht? Die verfolgt Horst Ehrmantraut nach wie vor. „Ich erinnere mich immer gerne an die Zeit und komme bestimmt auch mal wieder bei euch vorbei. Wenn ich in der Gegend bin, werde ich immer erkannt und von den Menschen angesprochen.“ Für einen Menschen, der heute mit viel Distanz zum Fußball lebt, hat Horst Ehrmantraut immer noch sehr viel zu sagen.
Text: Matthias Thoma
Fotos: Eintracht-Archiv, imago images