Das Geschäft des Gründers
Als Gründervater der Eintracht gilt gemeinhin Albert Pohlenk, der am 12. Dezember 1875 – also vor fast genau 150 Jahren (Artikel in der vergangenen EvM-Ausgabe) – das Licht der Welt erblickte und aus dem sächsischen Ober-Mittweida stammt. In Frankfurt war er als Uhrmachermeister in seinem eigenen Geschäft tätig. Ein Blick auf einen Eintracht-Ort in der Eckenheimer Landstraße 57b.
Als junger Mann spielte Albert Pohlenk Fußball bei der Magdeburger Viktoria. Mit seinem Umzug nach Frankfurt am Main schloss er sich zunächst dem ältesten Fußballverein Frankfurts an, der Germania 94. Meinungsverschiedenheiten ließen nicht nur Pohlenk 1899 wieder aus dem Verein austreten – doch er blieb nicht tatenlos und gründete noch am gleichen Abend mit Gleichgesinnten in einer Schankwirtschaft, dem Friedrichshof, in der Hohenzollernstraße 14 (der heutigen Düsseldorfer Straße) den Frankfurter Fußballclub Victoria, dessen erster Vorsitzender er wurde. Dies geschah am 8. März 1899, ein historischer Tag, an dem der gebürtige Frankfurter Otto Hahn seinen 20. Geburtstag feierte. Der Vereinsname wurde vermutlich nicht zufällig gewählt. Die Victoria ist nicht nur die römische Göttin des Sieges (und wann hätte die Eintracht jemals verloren), der Name erinnert auch an Pohlenks erste fußballerische Heimat in Magdeburg.
Gleich das erste Spiel gegen den 1. Bockenheimer FC 1899 elf Tage nach Gründung brachte den ersten Sieg der jungen Vereinsgeschichte. Mit Pohlenk in der Startaufstellung gelang ein glorreiches 4:1, penibel notiert in einem Spielberichtsbuch, das heute neben der Gründungsurkunde ein frühes Dokument Frankfurter Fußballgeschichte ist, sicher aufbewahrt im Eintracht-Museum. Die Victoria gilt heute neben den Frankfurter Kickers als Vorgängerverein der Eintracht, die jeweils am 8. März ihren Geburtstag feiert. Als die Victoria und die Frankfurter Kickers 1911 fusionierten, hatte Pohlenk daran maßgeblichen Anteil. Damals entstand der „Frankfurter Fußballverein Kickers-Victoria“, kurz FFV, welcher wiederum durch den Zusammenschluss mit der Frankfurter Turngemeinde im Jahr 1920 zur Turn- und Sportgemeinde Eintracht von 1861 verschmolz.
Albert Pohlenk blieb zeit seines Lebens in Frankfurt und dem Verein treu. Und wurde sogar Vorsitzender des Nordkreises im süddeutschen Fußballverband. Im bürgerlichen Leben verdiente er seinen Lebensunterhalt als Uhrmachermeister. Laden und Werkstatt betrieb er in der Eckenheimer Landstraße 57b im Nordend. Heute beherbergt Pohlenks einstiges Uhren-Fachgeschäft eine kleine Schmuckgalerie.
Lange waren wir nicht sicher, welcher der beiden Eingänge der richtige war. Bis eines Tages ein Teilnehmer unseres Stadtrundgangs auf die großen Lettern über der Galerie wies: „Da steht es doch!“ Tatsächlich. In leicht verwitterten goldenen Buchstaben prangt der Name über dem Eingang: A. Pohlenk. Wohl hatte ein neuer Inhaber ein altes Schild entfernt und dadurch die noch älteren Buchstaben freigelegt. Auf einem historischen Foto, in dem Pohlenk selbst vor der Eingangstür steht, erkennen wir im Hintergrund ein Schild, welches auf ein „Deutsches Geschäft“ verweist. Anspielungen dieser Art sollten vor umsatzmindernden Diskriminierungsmaßnahmen schützen, denen jüdische Inhaber seit 1933 ausgesetzt waren.
Poppi, wie Pohlenk seit Ende der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts liebevoll genannt wurde, verstarb am 4. September 1948. Sein Grab befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Noch zu seinem 60. Geburtstag wurde der einstige flinke Rechtsaußen von der Eintracht mit warmen Worten bedacht: „Wie oft flog er, als man noch sehr mannhaft und ohne Arg und List kämpfte, in der Spielfeldecke ins Gras, aber die Flanke landete da, wo sie hin gehörte ...“
Anlässlich einer Kunstausstellung im Museum konnten wir sogar ein Werk des Hobbymalers Pohlenk präsentieren. Zur Dauerausstellung gehört zudem ein Uhrmacherwerkzeug, mit dem er einst arbeitete. Oftmals war sein Enkel, der leider nunmehr ebenfalls verstorbene Horst Pohlenk, zu Gast bei uns und erzählte von seinem Großvater. Von Albert Pohlenk. Dem Mann, der als Gründungsvater der Eintracht gilt.
Im Buch „59 Eintracht-Orte“, erschienen 2020, haben Axel Hoffmann und Matthias Thoma einen Stadtführer für alle Adlerträger erstellt. Die „Eintracht vom Main“ druckt exklusiv in jeder Ausgabe Teile eines Kapitels ab.