HATTEN KEINE ANGST
VOR NIEMANDEM!
Während
gerade die paneuropäische Europameisterschaft läuft, werfen wir einen Blick auf
deine WM-Teilnahme 1994 mit Norwegen. Die Euphorie im Land war sicher riesig? Riesengroß, auf jeden Fall! Bereits
beim letzten Auswärtsspiel im polnischen Poznan waren 5000 Fans mitgereist. Die
Weltmeisterschaft in den USA war unsere erste Turnierteilnahme seit 1938 und
die Leute entsprechend aus dem Häuschen. Gefühlt hat uns das komplette Land
nach Nordamerika begleitet, ich glaube in dieser Zeit sind mehr Norweger in die
USA eingereist als in den 100 Jahren davor zusammen (lacht). Man darf nicht
vergessen, dass wir ein relativ kleines Land mit nur fünf Millionen Einwohnern
sind. Dieses Turnier war also nicht nur ein sportliches, sondern ein
gesamtgesellschaftlich historisches Ereignis. Darum war es auch eine
unglaubliche Ehre, unser Land auf dieser großen Bühne repräsentieren zu dürfen.
In
der Qualifikation wurdet ihr am Ende sogar völlig überraschend Gruppensieger.
Wie groß war danach euer Selbstvertrauen bei der Auslosung der WM-Gruppen?
Ganz ehrlich: Wir hatten keine Angst vor niemandem! In der Qualifikation waren
wir unter anderem gegen die niederländische Elftal und gegen das große England
ungeschlagen geblieben. Entsprechend strotzten wir vor Selbstvertrauen und
freuten uns auf die Auslosung. Man wusste damals natürlich, dass es in den USA
als Einwanderungsland beispielsweise viele
Mexikaner, Iren und Italiener gab. Dass wir ausgerechnet genau diese drei Teams
zugelost bekamen, war dann schon bemerkenswert. Wir wussten also, dass wir
trotz der vielen Fans aus Norwegen bei unseren drei Vorrundenspielen in New
York und Washington immer in der Unterzahl sein würden.
Über die WM 1994: „Wir waren in einer absoluten Todesgruppe“
Bei
der WM 1994 gab es eine ganze Reihe von skurrilen Konstellationen nach
Abschluss der Gruppenphase. In gleich zwei Gruppen waren am Ende jeweils drei
Teams punkt- und teilweise sogar torgleich. Eure Gruppe E setzte dem Ganzen
jedoch die Krone auf.
In der Abschlusstabelle stand jede Mannschaft bei vier Punkten und einer
Tordifferenz von null. Die Gruppe war wirklich wahnsinnig eng. Trotzdem glaube
ich, dass wir weitergekommen wären, wenn wir in allen Spielen an unser
Topniveau herangekommen wären. Der Sieg gegen Mexiko war ein toller Anfang,
aber gegen Italien waren wir dann richtig schlecht. In der entscheidenden
Partie gegen Irland gelang es uns einfach nicht, Torchancen herauszuspielen.
Auch ein Treffer im Parallelspiel hätte uns geholfen, aber daraus wurde nichts
und wir kamen letztlich selbst nicht über ein 0:0 hinaus. So landeten wir am
Ende auf dem vierten Platz und Italien zog als einer der zwei besten
Drittplatzierten in die nächste Runde ein. Für uns sollte es einfach nicht
sein. Die Abschlusstabelle unterstreicht aber noch einmal deutlich, dass das
vom ersten Spiel an eine absolute Todesgruppe war.
Wenn du heute auf das Turnier zurückschaust: Warum war nicht mehr drin für euch? Wir waren auf jeden Fall vollkommen zu Recht unzufrieden über uns selbst, weil wir nicht unsere besten Leistungen zeigen konnten. Unser Spiel war sehr laufintensiv und auf Konter ausgelegt. Die unglaubliche Hitze und Luftfeuchtigkeit im Giants Stadium haben uns natürlich nicht gerade in die Karten gespielt. Aber das soll keine Entschuldigung sein. Wir waren ein Neuling und hätten uns vielleicht auch besser vorbereiten müssen auf diese Gegebenheiten. Trotzdem war die Weltmeisterschaft 1994 das größte Erlebnis meiner Karriere und die 75.000 Zuschauer in New York die größte Kulisse, vor der ich je spielen durfte.
Zumal
du auch Geschichte geschrieben hast, denn der erwähnte Sieg zum Auftakt gegen
Mexiko war der erste Sieg einer norwegischen Mannschaft bei einem großen Turnier
überhaupt.
Kjetil Rekdal erzielte kurz vor Schluss den 1:0-Siegtreffer und ich konnte den
Assist verbuchen. Bei den Mexikanern stand der legendäre Jorge Campos mit
seinem kunterbunten Trikot im Tor, der meinen eigenen Treffer zuvor noch mit
einer starken Parade verhindert hatte. Ich hätte gerne selbst getroffen, bin
aber natürlich auch froh über die Vorlage. Nach diesem Sieg kurz vor Schluss
war es umso bitterer, dass wir danach gegen den späteren Finalisten Italien
verloren haben. Und das, obwohl deren Torwart Gianluca Pagliuca schon nach 21
Minuten mit Rot vom Platz flog.
In
dem Spiel warst du der einzige Stürmer deiner Mannschaft und bekamst es dabei
mit den Milan-Legenden Franco Baresi, Alessandro Costacurta und Paolo Maldini
zu tun. War der Respekt zu groß?
Wir trafen auch in der
Qualifikation schon auf große Namen. Gegen die Niederlande war mein Manndecker
Frank Rijkaard, wenn ich mich umdrehte, stand ich vor Ronald Koeman – das war
auch nicht viel einfacher. Solche Gegenspieler pushen dich entweder zu
Höchstleistungen, oder sie schüchtern dich total ein. Unsere norwegische
Generation ließ sich davon immer extrem anstacheln, doch leider klappte es
ausgerechnet gegen Italien nicht. Mittlerweile ist das fast 27 Jahre her und
die Enttäuschung von damals ist längst dem Stolz gewichen, bei diesem
Großereignis dabei gewesen zu sein und die Herzen unserer Landsleute erobert zu
haben. Und das auch noch in den USA, wo ich bis heute regelmäßig arbeite. Wenn
ich den Leuten dort erzähle, dass ich damals 1994 als Spieler bei der
Weltmeisterschaft dabei war, dann ist das immer ein richtig guter Eisbrecher in
den Gesprächen
Interview: Markus Rutten